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Walküre-Oper Festmahl für "Ring"-Gourmets

Wagners "Walküre" in einer Inszenierung von Jakob Peters-Messer feierte in Magdeburg Premiere. Ein grandioser Opernabend.

Von Irene Constantin 09.09.2018, 23:01

Magdeburg l Einen so grandiosen Abend wie den der „Walküren“-Premiere in Magdeburg erlebt man selbst als passionierte Operngängerin nur alle Jubeljahre. Vollkommen überflüssig nur die G-20-Videos – das Werk selbst, die Inszenierung und nicht zuletzt die Kostüme von Sven Bindseil erklären alles über Welt-Situation und Herrschaftsverhältnisse. Wenig stimmig auch das Bühnenbild im ersten Aufzug. Ein zusammengestückeltes Fertigteilhaus, drei Stapelstühle und ein Tapeziertisch fügen sich nicht zur Persönlichkeit des Hausherrn dieser Bruchbude. Hunding stützt sich auf Macht und eine in Ritualen manifestierte Ordnung. Diese tragen ihn wie ein Außenskelett, wie die Schutzplatten seiner martialischen Motorradkluft. So einer lebt in keinem Provisorium. Mehr gibt es wahrlich nicht einzuwenden gegen den langen, in buchstäblich jeder Minute hoch spannenden Abend.

Der erste Aufzug, das Dreiecksstück zwischen Siegmund, Sieglinde und Hunding, ist ein Crescendo in Gesten, Blicken, Tönen. Der erschöpfte Siegmund muss sich ausruhen und will doch fort, die Hausfrau Sieglinde erfüllt das Gastrecht und hat dennoch Angst. Hunding ist das Gastrecht ebenfalls heilig, nur nutzt er es als Todesfalle für Siegmund.

Die aufflammende Liebe zwischen dem Zwillingspaar und der Urhass Hundings auf diese beiden Unbezähmbaren polarisieren die Atmosphäre auf das Äußerste. Im relativ kleinen Magdeburger Theater können Orchester und Solisten noch die geheimsten Gedanken in Blicken, Gesten, leisen Tönen ausdrücken. Ein Selbstgespräch kann persönlich bleiben, ein Liebeslied geht jubelnd an die Geliebte, die langsame Erkenntnis der Familiengeschichte der Geschwister darf ihr Geheimnis wahren. Nie so gehört. Hier tönten nicht So-pran und Tenor, sondern Sieglinde und Siegmund fanden singend einander.

In den zweiten Aufzug springt ein Geschöpf geradezu hinein; Brünnhilde als Anti-Klischee-Walküre an sich. Ihre berühmten „Hojotoho“-Rufe nichts als strahlend singender Übermut. Dieser fällt indes schnell zusammen, als die einflussreiche Familienministerin den Konferenzraum auf Walhall betritt. Der Ausgang ihrer Unterredung mit Chef und Gatte Wotan ist bekanntlich folgenreich.

Fricka siegt, die blutschänderisch liebenden Zwillinge werden sterben. Brünnhilde, ihrem Vater Wotan bislang in Gedanken, Wort und Tat vollkommen ergeben, wird sich von ihm abwenden und Siegmund im Kampf gegen Hunding, allerdings vergebens, beistehen. Wotan wird Brünnhilde deswegen blutenden Herzens verstoßen.

Bis dahin dauert es jedoch. Zuerst wird Brünnhilde gehorsam Siegmund in sein Schicksal einweihen. Diese „Todesverkündigung“ ist einer der ergreifendsten Momente in Jakob Peters-Messers Inszenierung. Er hebt den ansonsten gegenwartsnah menschlichen Blick und Zugriff auf das Stück hinauf in Mystik und Sagenwelt. Ein weißes Gewand, eine Brille sind äußere Zeichen, vor allem Gestik und Stimmfärbung der Sänger schaffen die Verwandlung, aus der man als Zuschauer kaum erwachen möchte, für den tödlichen Kampf.

Dann Pause, nächster Aufzug, Walkürenchor. Es singt, tobt, tost äußerst schönstimmig, dynamisch, präzise, während die acht sportiven jungen Sängerinnen ihr übles Leichenbergungs-Handwerk ausüben. Anschließend ein Sektchen.

Schließlich kommt der Moment, wo selbst hartgesottene „Ring“-Gourmets mindestens einen Kloß im Hals bekamen. Wotan nimmt Abschied von Brünnhilde. Dahin seine Wut, kaum kann er sich trennen. Wotan weint vor Erleichterung über Brünnhildes geniale Idee mit dem Feuerring um ihren Felsen. Seinem „kühnen, herrlichen Kind“ bleibt tödliche Erniedrigung erspart. Loge darf seinen Qualm schicken, Flammen züngeln flötenschrill aus dem Orchestergraben hinzu.

Vieles, was von dort unten unter Kimbo Ishiis Leitung herauftönte, klang ungewohnt. Wagner als etwas ausufernder Kammermusik-Tonsetzer war zu entdecken. In gemäßigtem Tempo waren viele Klangfarben wahrnehmbar, die andere Musikertemperamente oft dynamisch überdecken. Kimbo Ishii diente mit dem Orchester fast immer sehr genau der Szene mit ihrem psychologisch äußerst genau balancierten, sehr oft von leisen und intimen Tönen dominierten Duktus. Trotzdem keine Angst: Die Hits sind opulent zu genießen.

Welche Solistin, welcher Solist das größte Lob verdient, ist einfach nicht auszumachen. Die Rollendebütanten: Der Riese Johannes Stermann als markig bassgewaltig auftrumpfender, im Innersten so unsicherer Hunding, erfüllte Rolle und Figur perfekt. Noa Danon gab der Sieglinde ihre Schönheit und vor allem ihre dunkelgetönte, sehr lebendig durchpulste Stimme. Sie leuchtete in den kurzen Glücksmomenten, fand viele, auch wütende und temperamentvolle Farben für das Leid. Gesang und Spiel durchdringen bei Danon einander, von der passiven Leidensfigur ist sie weit entfernt.

Auch Julia Borchert sang zum ersten Mal eine Brünnhilde auf der Bühne. Schwungvoll, kraftvoll das Debüt. Sie kann mit ihrer Stimme spielen, gesanglich-gestischen Ausdruck finden, in vokalen Farben argumentieren und auch „nur“ schön klingen. Lucia Lucas – ein weiblicher Name als Besetzung des Wotan ist schon selten. Lucas ist im Körper eines Mannes geboren und ließ ihre Baritonstimme ausbilden, sang Don Giovanni, Fasolt, Escamillo. Selten hat man einen so kraftvoll klar singenden, darstellerisch so intensiven Wotan erlebt. Seine langen Erzählungen bebten vor Spannung, wirklich umwerfend aber die Innigkeit, mit der Lucia Lucas die Beziehung zu Brünnhilde sang und spielte. Bei der Schlussverbeugung applaudierte ihr das gesamte Ensemble.

Richard Furman sang den Siegmund nicht zum ersten Mal, aber in Frische und physischer wie vokaler Spiel- und Entdeckerlust unterschied er sich nicht von den Neulingen. Furman nutzte die Möglichkeit, liedhaft zu singen. Am intensivsten hingegen: „Wälse, Wälse!“ wird man wohl bis zur Garderobe gehört haben. Undine Dreißig, die wunderbare Spielerin und Sängerin war natürlich eine böse und schlau triumphierende Fricka. Jeder Ton ein biegsamer Bohrer in Wotans Gehörgang.

Jakob Peters-Messers Magdeburger „Walküren“-Inszenierung ist ein Meisterstück der Personenregie. Licht fällt in die verborgensten Stränge der Motivations- und Beziehungsnetze des ganzen „Rings“. Ob Götter oder Menschen, es sind nahe Gestalten. Man hatte schon beim Applaus Lust auf mehr.