1. Startseite
  2. >
  3. Leben
  4. >
  5. Familie
  6. >
  7. Zu teuer! Mutter aus Magdeburg entscheidet sich wegen hoher Kosten gegen zweites Kind

So viel kostet ein Kind Zu teuer! Mutter aus Magdeburg entscheidet sich wegen hoher Kosten gegen zweites Kind

Hunderte Euro geben Eltern monatlich aus – nach 18 Jahren kommt so viel Geld zusammen. Eine Mutter aus Magdeburg zieht daraus Konsequenzen für ihren Kinderwunsch.

Von Helene Kilb Aktualisiert: 28.03.2025, 18:37
Der Kinderwunsch ist mitunter auch eine Kostenfrage. Nicht jede Familie kann sich den Nachwuchs leisten. Eine Mutter aus Magdeburg entscheidet sich deshalb gegen ein Kind.
Der Kinderwunsch ist mitunter auch eine Kostenfrage. Nicht jede Familie kann sich den Nachwuchs leisten. Eine Mutter aus Magdeburg entscheidet sich deshalb gegen ein Kind. (Foto: imago/Panthermedia)

Magdeburg. -  „Als ich gesehen habe, wie wenig Elterngeld ich bekomme, bin ich erst mal erschrocken“, sagt Maja Ritter (Name geändert). Sie wohnt in Magdeburg, ihre acht Monate alte Tochter zieht sie alleine groß. Als sich die Schwangerschaft – ungeplant – ankündigte, steckte Ritter gerade mitten in der Ausbildung zur Pflegefachkraft.

Lesen Sie auch: Babyflaute in Sachsen-Anhalt: Darum bekommen junge Menschen weniger Kinder

„Der Vater wollte mit dem Kind nichts zu tun haben“, erzählt Ritter. „Und ich stand dann da, um eine Erstausstattung zu kaufen und stellte fest: Die kostet ja schon gebraucht ein halbes Vermögen.“ Aktuell gibt sie rund 400 Euro im Monat für alles aus, das mit ihrem Kind zu tun hat: Miete und Nebenkosten, Kleidung, Essen, Hygieneprodukte.

Lesen Sie auch den Kommentar: Kinder zu haben, ist für Familien Luxus geworden

Wahnsinn, was da an Kosten zusammenkommt.
Wahnsinn, was da an Kosten zusammenkommt.
(Grafik: Tobias Büttner)

„Dazu kommen die Kosten für Kurse wie Babyschwimmen oder Babymassage, die ich zum Glück teilweise von der Krankenkasse erstattet bekomme“, sagt Ritter. Ihre Rücklagen waren schnell aufgebraucht. Jetzt bleiben Ritter nur Elterngeld, Kindergeld, eine Pauschalzahlung vom Jobcenter – und der Druck, nach einem Jahr Elternzeit wieder zur Arbeit zurückzukehren.

Lesen Sie auch: So sparen Eltern wirklich für ihr Kind:  Verbraucherzentrale warnt Familien vor Bausparverträgen

„Das Elterngeld, das ich bekomme, zum Beispiel auf zwei Jahre zu splitten, ist für mich gar nicht machbar“, sagt die Magdeburgerin. „Als Alleinerziehende bin ich gezwungen, nach einem Jahr wieder zu arbeiten, weil ich das anders finanziell nicht stemmen könnte.“

Kann man sich Familie leisten? Kinderwunsch und Finanzen stehen in engem Zusammenhang

Auch bei anderen Eltern hängen Kinder und Finanzen eng zusammen. Mitunter steht bereits beim Wunsch nach dem ersten oder einem weiteren Kind die Frage im Raum: Können wir uns das überhaupt leisten? „Geld spielt eine nicht unbedeutende Rolle beim Kinderwunsch“, sagt Soziologin Sabine Böttcher vom Zentrum für Sozialforschung Halle (ZSH) an der Universität Halle-Wittenberg.

Soziologin Sabine Böttcher
Soziologin Sabine Böttcher
(Foto: Böttcher)

Auch interessant: Kindergeld, -freibetrag, Betreuungskosten – hier können Familien 2025 sparen

„Wie groß diese Rolle ist, hängt davon ab, ob ausreichend Geld vorhanden ist – wobei oft sehr individuell definiert wird, was ,ausreichend’ bedeutet.“

Geld und Kinder: Finanzen sind für Familien bei Entscheidung zum Kinderwunsch wichtig

Allerdings ist anzunehmen, dass sich Menschen mit Kinderwunsch die Frage nach dem Geld heute häufiger stellen als früher. Als einen Grund dafür sieht Böttcher die gestiegenen Erwartungen, die mit viel Zeit, Mühe und Geld einhergehen: „Diese sind um ein Vielfaches größer als in der vorangegangenen Elterngeneration.“

„Geld spielt eine nicht unbedeutende Rolle beim Kinderwunsch.“

Soziologin Sabine Böttcher

Aktuell herrsche das Leitbild der verantworteten Elternschaft vor, bei dem sowohl Eltern an sich selbst als auch ihr soziales Umfeld hohe Ansprüche an die Elternschaft stellen. „Demnach brauchen Kinder eine gesunde Ernährung, gute und nachhaltige Kleidung, besondere Bildungs- und Freizeitangebote neben Kita oder Schule“, sagt Böttcher. „Gleichwohl verbringen Eltern viel Zeit mit ihren Kindern – aus eigenem Wunsch, aber auch, weil es ihr Umfeld so von ihnen erwartet. Dadurch reduzieren insbesondere Mütter ihre Arbeitszeit.“

Auch interessant: Kinderarmut: Wie alleinerziehende Mutter von drei Kindern aus Bitterfeld-Wolfen das Leben meistert

Auch eine hohe Erziehungskompetenz zählt zu den häufig unausgesprochenen Voraussetzungen für Elternschaft: „Damit gemeint ist die Fähigkeit, in Erziehungsfragen die richtigen Entscheidungen zu treffen, – was zunehmend anstrengender und anspruchsvoller wird, weil das Leben und die Lebensbereiche, die Werte, die wir im Leben haben, die Möglichkeiten zunehmend vielfältiger werden“, sagt Böttcher.

Lesen Sie auch: Sachsen-Anhalts Koalition streitet über Kita-Beiträge für Familien

Dazu komme der Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder individuell zu fördern: „Früher gingen mehrere Kinder denselben Aktivitäten nach, und es gab eher Arbeitsgemeinschaften in den Schulen. Heute kümmern sich die Eltern, schauen, was welchem Kind Spaß macht und wo seine Talente liegen.“

Magdeburger Mutter berichtet von hohem gesellschaftlichen Druck 

Auch Maja Ritter, die Mutter aus Magdeburg, sagt: „Der Druck ist unfassbar hoch. Eine Mutter, die ich kennengelernt haben, hat zuhause zwei Kinderzimmer mit personalisierter Deko. Eine andere hat für ihr Baby schon Spielzeug hingestellt, mit dem es erst in ein paar Monaten spielen wird.“

Lesen Sie auch: Viel Druck: Krankenkasse sieht hohes Stresslevel bei Eltern

Bei ihr selbst steht im Babyzimmer bisher nur ein Bett. Das erste Brei-Gläschen war gekauft und nicht selbst gekocht. „Und einmal, als meine Tochter tagelang nicht wirklich geschlafen hatte und sich nicht ablegen ließ, habe ich sie zehn Minuten vor dem Fernseher geparkt und ihr eine reizarme Sendung angeschaltet, um nach vier Tagen endlich mal duschen zu können“, sagt Ritter.

Lesen Sie auch: Genau halbe-halbe Gericht klärt Vaterschaft: Mutter wird an Kosten beteiligt

Spätestens beim Anblick der perfekten Mama-Profile auf Instagram habe sie das Gefühl: „Da kann ich nicht mithalten.“ Auch die Soziologin Böttcher sagt: „Soziale Medien, aber auch andere digitale Angebote, ermöglichen einem leicht Einblicke in viele fremde Leben. Das kann natürlich Druck machen.“

Ausgaben für Kinder steigen - Belastung für Familien damit auch

Gleichzeitig sieht sie darin eine sehr stabilisierende und unterstützende Funktion, weil sich Eltern online mit Menschen austauschen können, die ihnen im direkten sozialen Umfeld fehlen. Neben den Erwartungen an Eltern, die oft mit hohen Ausgaben einhergehen, sind aber auch die Kosten an sich gestiegen. Schon 2018 gaben Paare mit einem Kind rund 760 Euro im Monat für ihren Nachwuchs aus, etwa ein Fünftel des zur Verfügung stehenden Nettoeinkommens. Das zeigt die letzte Erhebung des Statistischen Bundesamts zum Thema „Kinder und Kosten“.

Lesen Sie auch: Reichen 50 Euro für einen Familienbesuch auf dem Weihnachtsmarkt? Was man dafür bekommt

Bei einer vierköpfigen Familie waren es mehr 1.200 Euro und fast ein Drittel des Nettoeinkommens. Bei Alleinerziehenden lagen die monatlichen Ausgaben für ein Einzelkind bei 710 Euro monatlich, durchschnittlich 35 Prozent des Einkommens. Mittlerweile dürften diese Beträge nicht mehr ausreichen.

„Die massive Preissteigerung in allen Lebensbereichen trifft Familien mit Kindern um ein Vielfaches mehr als Alleinstehende“, sagt Soziologin Böttcher. „Etwa Mieten und Betriebskosten haben stärkere Auswirkungen auf Familien, weil diese in größeren Wohnungen wohnen.“ Genauso sei es bei Kita-Gebühren oder Lebensmitteln: „Je mehr Kinder und je älter sie sind, desto mehr Lebensmittel müssen Eltern kaufen“, sagt Böttcher. Auch Fahrtkosten – egal ob für Benzin oder ÖPNV-Tickets summierten sich, insbesondere im ländlichen Raum.

Teuerung trifft nicht alle Familien gleich stark: Folgen für Kinderwunsch vor allem in Mittelschicht

Allerdings sind von den Teuerungen nicht alle Familien gleich stark betroffen. „Die Frage, ob man sich ein Kind überhaupt leisten kann, stellt sich sicher am ehesten in der Mittelschicht“, sagt die Soziologin Böttcher. Denn: „Statistisch gesehen tendieren Eltern aus der Mittelschicht zu mehreren Kindern“, sagt Böttcher. Gleichzeitig trifft die Inflation diese gesellschaftliche Gruppe besonders stark, wie etwa der IMK Inflationsmonitor der Hans-Böckler-Stiftung zeigt.

„Die unteren Einkommen wurden durch den angehobenen Mindestlohn und die gestiegenen Sozialbeiträge deutlich mehr entlastet als die mittleren“, sagt Böttcher. „Kritisch ist die Lage auch für Familien, die keine finanzielle Unterstützung erhalten, weil das Einkommen geringfügig über dem Grenzwert liegt“, sagt Böttcher. Dadurch könne es gut sein, dass die Familien finanziell an ihre Grenzen gerieten.

Auch interessant: Wer soll das bezahlen? Warum Magdeburg 16 Millionen Euro mehr für Erziehungshilfen zahlen muss

Auch Maja Ritter kann mit ihrem Einkommen derzeit keine großen Sprünge machen: „Ein zweites Kind zu bekommen, könnte ich mir unter diesen Umständen nicht vorstellen“, sagt sie. Trotzdem will sie sich nicht unterkriegen lassen: „Im Moment kommen wir gut über die Runden.“