Anke Heckel ist Küchenleiterin im Corneliuswerk 10 bis 11 Uhr: Zwischen Frühstück und Graupensuppe geht noch ein Häppchen
24 Stunden unterwegs im Jerichower Land - 24 spannende Geschichten. Mehr
als 93.000 Menschen leben und arbeiten hier. Wir haben einige von ihnen
begleitet - im Streifenwagen, auf dem Bauernhof, in der JVA oder im
Fitnessstudio. Heute 10 bis 11 Uhr: Die Zeit vor der Mittagessen-Ausgabe
in der Corneliuswerk-Küche.
Burg l Schnipp, Schnipp, Schnipp: Das große Küchenmesser tanzt wie ein russischer Säbel über die kleine Knolle. Ratzfix wird aus einer stattlichen Zwiebel ein Miniwürfelhaufen. Koch Rainer Letz kneift die Augen zusammen: "Da kannst du auch 50 Jahre Küchenmeister sein, bei manchen Zwiebelexemplaren lassen sich Tränen nicht vermeiden."
Die Küche des Burger Corneliuswerks ist quasi das Wohnzimmer von Rainer Letz und seinen Kolleginnen: "Hier verbringe ich mehr Zeit als in der guten Stube daheim." Hier kennt er jeden Winkel. Mitte der 90er Jahre hat er am Konzept der Küche mitgearbeitet, als die Einrichtung am Marienweg neu ausgestattet wurde.
130 Mittagessen-Portionen sind schon fertig. Heute gibt es Graupensuppe oder Griesbrei. Als dritte Variante haut Letz für jeden Interessenten ein Bauernfrühstück in die emaillierte Bratpfanne. Die Eier sind schon aufgeschlagen, der Schinken gewürfelt, die Bratkartoffeln heiß gemacht.
Letz ist ein Profi alter Schule. Im nächsten Jahr feiert er 40-jähriges Berufsjubiläum: "Gelernt habe ich im Walzwerk beziehungsweise im Hermann-Matern-Haus." Später hat er seinen Meister gemacht. Seiner Heimatregion ist er in all den Jahren treu geblieben.
Auf der anderen Küchenhälfte hat Chefin Anke Heckel den Nachmittag im Blick: Das Käthe-Kollwitz-Haus gibt einen Empfang zum zehnjährigen Besten. Wir liefern Kuchen und 120 Kanapees. Und schon filetiert die Köchin eine knusprig-frische Baguette-Stange mit dem gezackten Brotmesser in 20 daumendicke Scheiben. Und die nächste. Margarine draufstreichen (das macht der Praktikant von der Zeitung).
Jetzt folgt die Kür: Anke Heckel belegt die Häppchen-Scheiben mit Käse, Salami, Braten oder Fisch: "Der Lachs sieht am besten aus, wenn man ihn knorkeln kann." Zum Schluss die Garnitur: Paprikascheiben, Erdbeeren, Gurken und Trauben - die Tabletts mit der kernigen Auflage zum Vernaschen sehen aus wie ein buntes Korallenriff am Meeresgrund. Anke Heckel steckt sich eine Traube in den Mund. Frischhaltefolie drüber und ab damit in die Auslieferungskisten.
Zwischendurch schaut sie auf die Uhr: "Was, schon halb 12! Wo bleibt die Gehacktes-Lieferung?" Keine Ahnung, meint Mitarbeiterin Brigitte Schulenburg, die sich gleich um die Essenausgabe kümmern wird. "Haste nicht von dem schweren Unfall auf der Autobahn gehört?" Sabine Scheteling knöpft sich ihre weinrote Schürze um. Ihr Spätdienst hat soeben begonnen. Sie hat die Nachrichten im Radio gehört: "Riesenstau auf der Autobahn." Anke Heckel meint: "Mhm, da steht unser Fleischlieferant aus Barleben vermutlich mittendrin."
Verdammt, morgen soll es frische Bouletten mit Möhrengemüse geben. Aber ohne Gehacktes? Das wollten die Köche jetzt vorbereiten. Würzen, kneten, formen.
Dann geht nur noch Plan B: "Wir haben noch gefrorene Bouletten in der Tiefkühltruhe." Anke Heckel ist hier seit drei Jahren die Chefin. Zuvor stand sie ein viertel Jahrhundert in der Küche der Lostauer Lungenklinik, hatte zwischendurch ihr Diplom gemacht: "Ich bin damals meinem Chef hierher gefolgt. Das war die richtige Entscheidung. Die Klinik-Küche gibt es nicht mehr."
Anke Heckel steht vor dem Herzstück der Küche - den beiden großen Herden. Im linken Herd ist heute früh die Graupensuppe entstanden. Erst das Fleisch abkochen, danach Gemüse und Kartoffeln zugeben. Zum Schluss die Graupen. Jede Zutat hat ihre individuelle Garzeit. Insgesamt köchelt das Gericht zweieinhalb Stunden. Würze dazu und fertig ist ein deftiger Eintopf. "Natürlich kocht man lieber das, was am auch gerne isst", meint Rainer Letz. Er hätte lieber eine anständige Kohlrübensuppe in den großen Topf gezaubert. Überhaupt gehen die Köche auf die Bedürfnisse ihrer meist älteren Kundschaft ein. Heckel: "Auf den Speiseplänen finden sich regelmäßig Gerichte wie Kohlrübensuppe oder lose Wurst. Das sind Mahlzeiten, die unsere Gäste seit vielen Jahrzehnten kennen und schätzen." Und noch etwas ist wie ein Gesetz in der Corneliuswerk-Küche: Mittwoch ist Suppentag!
Das weiß auch Hausbewohnerin Anneliese Pohl, die sich im Speiseraum eine Graupensuppe schmecken lässt: "Großartig. Ein anständiger Eintopf aus der Großküche schmeckt oft besser als eine kleine Mahlzeit aus der Ein-Mann-Küche. Die Menge macht\'s." Ohnehin mag sie lieber solche leichten Gerichte als Braten oder Haxen. Und: "Die Küchenleute sind sehr liebenswert. Ich kenne Herrn Letz und Frau Heckel sehr gut, das sind echte Meister."
Das Zwiebelmesser hat Rainer Letz längst beiseite gelegt. Mit einem Schwung wendet er die Bratkartoffeln in der Pfanne. Eier dazu. Und schon rutscht das Bauernfrühstück elegant auf den Teller, der mit Gurkenscheiben drapiert ist. Die kleinen Zwiebelwürfel kann man nur noch erahnen.
Lesen sie morgen, was zwischen 11 und 12 Uhr in der Burger Justizvollzugsanstalt passiert.