Gardeleger Gymnasiasten beteiligen sich an der Aktion Rote Hand des Verbandes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Ein "Händedruck" als Protest gegen Kindersoldaten
Schon im vergangenen Jahr protestierten die Gardeleger Gymnasiasten mit ihrem Handabdruck gegen den Einsatz von Kindersoldaten. In diesem Jahr ging es um Fakten, Statistiken und erschreckende Zahlen.
Gardelegen l Zu Anfang sind noch Lachen zu hören und fröhliche Neckereien. An vier Tischen sichten die Schüler der Klasse 7b im Gardeleger Geschwister-Scholl-Gymnasium gestern Infomaterial, basteln Plakate, tragen Fakten für Vorträge zusammen. Philipp Schrage, Referent für Jugend- und Schularbeit beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, hat den Jungen und Mädchen verschiedene Broschüren mitgebracht. Nun geht er von Tisch zu Tisch, beantwortet Fragen, gibt Tipps und weist die Schüler auch schon mal auf den einen oder anderen Fakt hin, der noch in ihrem Referat Beachtung finden sollte. Auch er lächelt hin und wieder, freut sich, "mit welchem Eifer" sich alle auf die Sache konzentrieren. "Noch eine Minute", sagt Schrage dann laut, an alle gewandt. "Bitte setzt euch in den Kreis und erzählt uns, was ihr rausgefunden habt." Bevor sie loslegen können, macht er aber noch rasch ein Konzentrationsspiel mit den Siebtklässlern. Nach und nach verstummen die Gespräche und das Lachen. Gespannt schauen und hören die Kinder ihren Klassenkameraden zu. Denn das Thema ist erschreckend. Es geht um Kindersoldaten, die auch heute noch weltweit zum Einsatz kommen.
"Sie bekommen Drogen, damit sie leichter töten können"
Referent Philipp Schrage
250000 bis 300000 sind es ungefähr, auch diese Zahl fällt in einem der Vorträge. Viele von ihnen nehmen Drogen, "um sich zu betäuben", wie die erste Gruppe ihren Mitschülern erzählt. "Und sie bekommen Drogen, damit sie leichter töten können", sagt Philipp Schrage. Das sitzt. Das klingt brutal. Denn schließlich spricht er von Kindern, die so wie sie erst zwölf, dreizehn Jahre alt sind.
"Ist Euch irgendwas ganz besonders nahe gegangen?", will der Referent von der ersten Gruppe dann wissen. "Dass 57 Prozent von ihnen auch noch sexuell missbraucht werden", sagt Sophie Kämpfer nach kurzem Zögern. "Das finde ich besonders schlimm." Schrage bestätigt das. Sexueller Missbrauch sei, ebenso wie die Drogensucht, oft eine Begleiterscheinung der zwangsweisen Rekrutierung von Kindern, erklärt er.
Womit die Jungen und Mädchen, die in rund dreißig Ländern der Welt Waffen in die Hand nehmen müssen, sonst noch kämpfen - auch nach ihrem "Dienst" in fragwürdigen Armeen - hat schließlich die zweite Gruppe zusammengestellt. Die Schüler berichten von der beruflichen Perspektivlosigkeit der Kindersoldaten, die nie eine Ausbildung, oft nicht mal Schulbildung erlebten, von ihrer späteren Kriminalität, die oft die einzige Möglichkeit ist, Geld zu "verdienen". Und sie erzählen von dem psychischen Druck, den schrecklichen Erinnerungen, die ein Leben lang auf denen lastet, die schon als Minderjährige Menschen töten mussten. Viele von ihnen in afrikanischen Staaten, in denen seit vielen Jahren brutale Bürgerkriege toben.
Wer bis dahin den Einsatz von Kindersoldaten noch als "weit weg" ansah, wird gestern schließlich von der dritten Gruppe eines Besseren belehrt. Ihr hat Schrage das Thema "Flakhelfer und Hitlerjungen" gegeben. "So viele Fremdwörter" seien in ihrem Infomaterial gewesen, sagt Jennifer Müller. Einige hätte die Gruppe noch nie gehört. Auch das Wort Flak (Flugabwehrkanone) hätten sie erst nachschlagen müssen. Nach ihrem Vortrag weiß dann aber die ganze Klasse, dass auch deutsche Kinder an Kanonen standen, um auf Flugzeuge zu zielen. Und das ist nicht mehr weit weg, das war hier in ihrem eigenen Land, wenn auch vor rund 70 Jahren.
"Die roten Hände sollen Politikern übergeben werden"
Laura Wienecke, Klasse 7b
Am Ende schließlich haben dann wohl alle Schüler ein Gefühl für das Schicksal von Gleichaltrigen bekommen, die als Kindersoldaten eingesetzt werden.
Und so geben alle Mädchen und Jungen Philipp Schrage gestern ihren Handabdruck in roter Farbe mit. Das nämlich sei das offizielle Symbol gegen den Einsatz von Kindersoldaten, hatte die vierte Gruppe zuvor ihren Mitschülern erzählt. "Die roten Hände sollen Politikern übergeben werden", erklärte Laura Wienecke. "Das ist unsere Unterschrift. Wir bestätigen damit, dass wir uns den internationalen Forderungen (der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers) gegen Kindersoldaten anschließen." So dürften Kinder unter 18 nicht zwangsweise rekrutiert werden. Sollten Staaten, die dem zuwiderhandeln, sollten sie mit Sanktionen belegt werden, an sie dürfen zudem keine Waffen exportiert werden. Eine Forderung, die übrigens auch Deutschland betreffe, erinnert Schrage.
22 Blätter mit roten Handabdrücken nimmt er schließlich allein aus der 7b mit nach Magdeburg. Ungefähr ebensoviele bekommt er von einer sechsten und achten Klasse, die sich am Projekttag beteiligt haben. Er freut sich natürlich über jeden einzelnen. "Im vergangenen Jahr haben wir rund 1000 Blätter übergeben", sagt er. Mehr noch als über die vielen Blätter freut er sich aber über die Mitarbeit der Kinder.
Im Vorfeld hatten sie ihm Fragen gestellt. Am Ende waren sie alle beantwortet. Bis auf eine: "Wieviele Kindersoldaten sterben?", hatten die Schüler gefragt. Diese Zahl, so Schrage, sei nicht bekannt. Eine Antwort, die Bände spricht.