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Stadtgeschichte Adler-Apotheke ist älter als der Kanal und die Eisenbahnlinie in Genthin

Von Berndt Franke Aktualisiert: 14:39

Genthin. Im Mittelalter wurden in Italien erste Apotheken mit dem Wissen aus Arabien gegründet. Allerdings hatte das wenig mit dem heutigen Apothekenwesen zu tun. Es wurde alles verkauft, was Geld brachte. Der eventuelle Patient stand nicht im Vordergrund. Vom Duftwasser, Schönheitspflästerchen bis Tinkturen gab es alles. Aber das Problem für die Patienten war die enge Verbindung von ärztlichem Geschehen und der Vorgabe und Herstellung von Mixturen oft derselben Person, die dadurch mehrfach am gleichen Patienten verdiente.

Diese gefährliche Geschäftskombination erkannte der Stauferkaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert und erließ dazu eine „Medizinalverordnung“, die die Geschäfte von Ärzten und Apothekern trennte. Vereidigte Ärzte hatten damals jährlich die praktizierenden Ärzte und Apotheker auf Einhaltung dieser Regeln und auch auf die Qualität ihrer Arbeit zu kontrollieren.

Pest-Überlebende brauchten Betreuung

In großen Städten gab es Apotheken schon um 1300. Dazu zählte gewiss nicht Genthin mit seinen nur mehreren Dutzend Einwohnern. Aber im Jahr 1682 hatte Genthin 334 Einwohner. Dann kam eine Pestwelle in den Jahren 1682/83 und Genthin und es überlebten noch etwa 170 Menschen. Gegen die Pest gab es kein Mittel, aber die Überlebenden brauchten Betreuung.

Medizin wurde benötigt, wie auch Ärzte. Es ist also anzunehmen, dass beide Berufe durchaus schon in unserer Region ab dem 17. Jahrhundert vertreten waren. In einer Übersicht von Friedrich Kaus aus Burg wurde erwähnt, dass es schon seit „einiger Zeit“ vor 1700 eine Apotheke in Genthin gab, die dann aber „vakant“ wurde, das heißt, nicht mehr besetzt war.1703 könnten etwa 200 Einwohner in Genthin gelebt haben. In diesem Jahr betrieb Hartwig Nikolaus Schröder eine Apotheke.

Der Standort ist nicht klar. Da aber Genthin nur wenige hundert Meter lang wie breit war, kann es nicht weit vom heutigen Marktplatz gewesen sein. Wie lange die Apotheke schon Bestand hatte, wissen wir nicht. Nur ein Jahr nach Erwähnung des Apothekenbetriebs gab es ein Großfeuer in Genthin, wobei die Apotheke auch abbrannte oder schwer beschädigt wurde. Ein Großfeuer in Genthin mit seinen Holz- und Fachwerkhäusern, die mit Stroh gedeckt an engen Straßen ohne Feuerlöschwasser standen und wie Zunder brennen konnten, breitete sich sehr schnell aus. In der Innenstadt starben dabei etwa 100 Menschen und natürlich auch viele Tiere, denn Genthin war eine Ackerbürgerstadt und das Vieh war, zumindest nachts, direkt neben den Wohnbauten untergebracht.

Apotheke und Apotheker für gut befunden

Nach einem Neubau der abgebrannten Apotheke etwa um 1704 erfolgte zwei Jahre später eine nachgewiesene Visitation dieser Apotheke und des Apothekers durch den Landesphysicus Mencelius. Apotheker und Apotheke wurden für gut befunden. Eigentlich sollte jährlich geprüft werden, aber Genthin wurde erst wieder 1718 kontrolliert und es war auch wieder alles gut.Inzwischen beschwerte sich aber der Apotheker Schröder schriftlich beim Kabinett des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., dass eine zweite Apotheke von einem Herrn Pohlmann eröffnet wurde, die sein ohnehin schmales Auskommen noch weiter schmälerte und er erbat vom König die Schließung dieser Apotheke.

Diese Schließung wurde auch prompt dem Magistrat angewiesen und umgesetzt. Ein schmales Einkommen könnte es durchaus gewesen sein, da nicht viel Geld in der Bevölkerung war und es gab noch die Hausmedizin, die Barbiere und Bader, Wundärzte, aber auch Quacksalber.

Genthin, dieser winzige Flecken, hatte zum Beispiel vier Badestuben, dagegen Brandenburg nur zwei Badestuben. Außerdem gab es 1803 sogar drei Wundärzte, also Chirurgen, deren Arbeit bei den „gelehrten Ärzten“ als geringe Kunst angesehen wurde. Beim Volk war das anders, da waren die Wundärzte die Praktiker. Es war eine gute Versorgung. Genthin hatte laut Friedrich Kausch damals nur 134 Einwohner! 1723 ließ der Apotheker Schröder eine neue Apotheke errichten, die „Adler-Apotheke“ am heutigen Standort am Markt 1. Diese erste Genthiner Apotheke wechselte altersmäßig öfter den Besitzer, ist aber sehr mit dem Namen Else Ballarin verbunden.

Älter als Plauescher Kanal und Deutsche Bank

Diese älteste Apotheke existiert nun schon ununterbrochen länger als der Plauesche Kanal, die Eisenbahnlinie und die Deutsche Bank. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Bevölkerung Genthins erheblich gestiegen und eine zweite Apotheke wurde an der Kreuzung Brandenburger Straße (vorher Parchenstraße) / Mühlenstraße eröffnet, die „Einhorn-Apotheke“.

Nach den Adressbüchern von 1907, 1914 und 1926 war an dieser Stelle ein Geschäft des Kaufmanns Siewert. Danach erschien die Einhorn-Apotheke etwa ab 1928. Besitzerin war Margarete Eysel. Diese Apotheke an diesem alten Standort hatte bis zum 14. März 1992 Bestand, dann erfolgte die Umsiedlung ins „Medizinische Zentrum“, der früheren Poliklinik. Diese Apotheke ist mit dem bekannten Namen Vahldieck verbunden. Aus der Poliklinik, später dem „Medizinischen Zentrum“ wurde das heutige „Ärztehaus“.In diesem Gebäude war nach der Errichtung 1976 hinter dem Eingangsbereich rechts eine Garderobe und links war die Karteizentrale mit der Patientenaufnahme. An Stelle der „Zentralen Aufnahme“ wurde nach 1990 die umgesiedelte Einhorn-Apotheke eingerichtet.

Großer Bedarf an Apotheken

Genthin hatte um 1989/90 über 17.500 Einwohner und davon blieben nach den Abwanderungen der jungen Menschen wegen Arbeitsplatzmangel ein höherer Anteil älterer Bewohner zurück. Das ist oft das Hauptklientel der Apotheken. Der Bedarf an Apotheken war also groß. Im Südteil von Genthin gab es ein von der Poliklinik genutztes Gebäude, die „Warmbadeanstalt“. Hier wurden Bäder und Massagen verabreicht. Nach der politischen Wende übernahm Frau Eschke dieses Haus und ließ es zur dritten Apotheke in Genthin als „Sonnenapotheke“ umbauen. Am 2. März 1992 wurde die Apotheke zur Freude vieler südlich der Bahnlinie wohnender Menschen eröffnet. Inzwischen führt die Tochter die Apotheke weiter.

Das Buch Heimatgeschichte ist zum Preis von 20 Euro in den Lotto-Annahmestellen am NP-Markt und am Markt sowie nach Anmeldung in der Stadt- und Kreisbibliothek und beim Autor erhältlich.