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Lisa Wolf, Cornelia Draeger und Birgit Vasen sind die einzigen Frauen im Genthiner Stadtrat Gesetz und Gefühl passen nicht immer

Von Manuela Langner 31.08.2013, 03:09

Mit Birgit Vasen, Cornelia Draeger und Lisa Wolf gehören nur drei Frauen dem 28-köpfigen Genthiner Stadtrat an. Obwohl ihnen das politische Ehrenamt schon mehr als einmal Bauchschmerzen bereitet hat, sind sie engagiert bei der Sache.

Genthin l Wie überrollt wirkte Bürgermeister Thomas Barz in der ersten Dreiviertelstunde seiner ersten Stadtratssitzung. Die Beschlüsse zur umstrittenen Schweinezucht Gladau GmbH ließen die Ratsmitglieder die Feststellung der ordnungsgemäßen Ladung und der Tagesordnung auseinanderrupfen. Formalitäten, die sonst mit einem Federstrich erledigt sind. Seine Souveränität war zurück, als er über die papierlose Ratsarbeit sprach. "Der Bürgermeister tat mir leid", sagte Stadträtin Birgit Vasen (Die Linke) einen Tag später. Ihre Fraktionskollegin Cornelia Draeger hakte sofort ein. "Das ist typisch Frau." Das seien Dinge, die Männer nicht verstehen könnten.

Gemeinsam mit Lisa Wolf sind Cornelia Draeger und Birgit Vasen die einzigen drei Frauen im Genthiner Stadtrat. Alle drei gehören der Linke-Fraktion an. Auf die Arbeit in der Fraktion legen sie großen Wert. Dort werden alle Themen beraten. "Aber trotzdem ist es danach möglich, dass wir unterschiedlicher Meinung sind."

Man befinde sich immer in einem Zwiespalt, beschrieb Cornelia Draeger ihr politisches Ehrenamt, das sie seit 2004 ausübt. "Recht und Gesetz sind nicht immer mit dem Gefühl zu vereinbaren. Man geht oft unzufrieden nach Hause und trägt das noch eine Weile mit sich herum." Hin und wieder ist die Frage "Musst du dir das antun?" dann auch nicht weit.

"Man geht oft unzufrieden nach Hause und trägt das noch eine Weile mit sich rum."

Corniela Draeger

Die Frage hört Birgit Vasen auch regelmäßig, wenn in der Volksstimme mal wieder von einer hitzigen Debatte im Stadtrat zu lesen war. "Ich antworte dann immer, dass mir die Arbeit Spaß macht."

Wenn man etwas verändern möchte, gehe das nur, wenn man sich engagiere, setzte Cornelia Draeger hinzu, die viele aus der Genthiner Stadt- und Kreisbibliothek Edlef Köppen kennen.

Birgit Vasen, die als Erzieherin in der Kita Käthe Kollwitz arbeitet, sieht ihre Arbeit als Stadträtin als Ausgleich zu ihrem Beruf. Ihr Mann habe von Anfang an hinter ihr gestanden. Dass ohne die Unterstützung des Ehemannes und der Familie die Mitarbeit im Stadtrat nicht möglich wäre, steht für alle drei Frauen außer Frage. Schließlich opfere frau dafür eine ganze Menge Freizeit. Das Stadtratspensum zu bewältigen, wenn die Kinder noch klein sind, können sich alle drei nicht vorstellen. Andererseits sei es angesichts ihrer DDR-Biographie ganz selbstverständlich, dass Arbeit und Familie und Ehrenamt zusammenpassen.

Ganz zufrieden sind die drei Frauen mit der Erklärung aber nicht. Für die Enkelkinder wolle man schließlich auch da sein und früher oder später benötigten die eigenen Eltern auch Unterstützung.

Von Anfang an arbeitet Birgit Vasen im Bauausschuss mit. "Da wächst man rein", sagte sie ganz selbstverständlich. An der Arbeit des Ausschusses gefalle ihr, dass parteiübergreifend vorgegangen werde. "In den Ausschüssen generell nicht so sehr, aber im Stadtrat spielen die Parteien schon eine Rolle", sagte Cornelia Draeger. Sie saß anfangs im Wirtschafts- und Umweltausschuss und jetzt im Rechnungsprüfungs- und Finanzausschuss. In den SWG-Aufsichtsrat sei sie auch hineingewachsen, obwohl ihr vom Beruf her Kultur und Soziales eher liege.

Wie ein Ausschuss arbeite, liege auch immer am Vorsitzenden, wie der die Sitzungen lenke, ergänzte Lisa Wolf. Das Genthiner Urgestein, bekannt aus unter anderem gat und CCW, sitzt seit fast 20 Jahren im Genthiner Stadtrat. "Man freut sich, wenn man etwas Positives bewirken kann", sagte Lisa Wolf. Man lehne sich nie zurück und ruhe sich aus.

"Ich wünsche mir mehr Frauen im Genthiner Stadtrat. Die sind diplomatischer."

Lisa Wolf

Wegen der zurückgehenden Finanzen sei es für die Stadträte schwieriger geworden. "Man muss auch mal schlechte Nachrichten überbringen und das aushalten." Beliebter sei man natürlich, wenn man Geschenke mitbringe, erklärte Birgit Vasen. Als Stadträtin wolle sie nach bestem Wissen und Gewissen zum Wohle der Stadt abstimmen.

Mit dem Gedanken gingen bestimmt viele in die Sitzung, warf Cornelia Draeger ein. Aber das werde schnell schwierig. Das bestätigte Birgit Vasen: "Es gibt Dinge, da habe ich Bauschmerzen, wenn ich den Finger hebe".

Benachteiligt fühlen sich die drei Frauen im Genthiner Stadtrat nicht. "Unsere Meinung wird akzeptiert", sagte Birgit Vasen. Für sie ist es wichtig, dass das Gremium aus einer "gesunden Mischung" besteht. Sie bedauert, dass nur wenige junge Leute im Stadtrat sitzen. "Ich wünsche mir mehr Frauen. Die sind diplomatischer", entgegnete Lisa Wolf. "Würde es das besser machen?", konterte Birgit Vasen. "Auf keinen Fall eine Quote", fügte Cornelia Draeger hinzu. Das bringe überhaupt nichts. "Die Bereitschaft, sich zu engagieren, muss vorhanden sein", stimmte Birgit Vasen zu. Sie ist sich bereits sicher, 2014 wieder zu kandidieren. Cornelia Draeger überlegt dagegen noch. Lisa Wolf wollte aus Altersgründen eigentlich nicht mehr antreten. "Aber wenn Horst Leiste wieder kandidiert, kann ich das auch." Zum Ende kommt das Gespräch auf den Bürgermeister zurück. Bei Wolfgang Bernicke habe es gut funktioniert, jetzt setze sein Nachfolger neue Akzente.

Nie hätte sie einen Computer angefasst, wenn sie nicht im Stadtrat wäre und der nicht die Einführung der papierlosen Ratsarbeit beschlossen hätte, setzte Birgit Vasen hinzu. Dass es statt eines PCs nun Tablet-PCs gibt, sieht sie ganz gelassen.