1. Startseite
  2. >
  3. Lokal
  4. >
  5. Nachrichten Halberstadt
  6. >
  7. Eine alte Liebe: Die Veltensmühler und ihre gefiederten Freunde

Vier Jungstörche in Veltensmühle beringt Eine alte Liebe: Die Veltensmühler und ihre gefiederten Freunde

Von Thomas Junk 06.06.2011, 06:40

Der kleine Halberstädter Ortsteil Veltensmühle hat seit mehr als 20 Jahren eine Attraktion, die ihn von vielen anderen Ortsteilen abhebt: ein Storchennest auf einem 17 Meter hohen alten Schornstein. Vom Frühjahr bis Herbst beobachten die Bewohner von Veltensmühle ihre liebgewonnen gefiederten Gäste.

Halberstadt/Veltensmühle. Die Einwohner rund um das Storchennest sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Wenn einmal im Jahr der Storchenbeauftragte des Harzer Umweltamtes, Georg Fiedler aus Rohrs- heim, in die kleine Siedlung kommt, um die halbwüchsigen Jungtiere zu beringen, herrscht beinahe Volksfeststimmung. Nach getaner Arbeit warten Kaffee, Kuchen und Bockwurst auf Fiedler und die anderen fleißigen Helfer. Es wird gefachsimpelt, über Storchennachwuchs, den Nestbau, die Flugwege und und und... Seit die Veltensmühler vor 22 Jahren das erste Storchennest aus einem alten Wagenrad auf dem großen Schornstein bauten, haben sie sich zu richtigen Storchen-Experten entwickelt.

Aber - wie heißt es so schön - erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Bevor sich Georg Fiedler an den gedeckten Tisch setzen darf, muss er die vier Storchenkinder, die es in diesem Jahr in Veltensmühle gibt, beringen. Das heißt, die Vögel kriegen einen kleinen Plastikring um ihren Fuß befes- tigt, damit man sie später unterscheiden kann. Der ehrenamtliche Storchenbeauftragte Fiedler ermittelte im vergangenen Jahr neun Brutpaare mit zusammen 20 ausgeflogenen Jungen im gesamten Landkreis Harz. Darüberhinaus beteiligt er sich an einem länderübergreifenden Beringungsprogramm der Vogelwarten. "2010 beringte ich im Altkreis Halberstadt 14 Jungstörche, in den benachbarten Gebieten Niedersachsens 41 Tiere", berichtet er. Aber Fiedler ist nicht nur für die Beringung und Bestandserhebung zuständig. Zu seinen Aufgaben als Weißstorch-Betreuer gehört auch, bei Notfällen den Störchen Hilfe zu leisten oder Storchennestbesitzer zu beraten.

Mithilfe der kleinen Plastik- ringe auf denen eine Kombination aus Buchstaben und Zahlen stehen, können unter anderem die Flugwege der Wandervögel verfolgt werden. "Die Weißstorchberingung und damit die individuelle Identifizierbarkeit ermöglicht wissenschaftliche Erkenntnisse zu Lebensgewohnheiten: Zugwege und -dauer, Eintritt der Brutreife, Entfernung zwischen Geburts- und Brutort, Nest- und Partnertreue, Höchstalter, Todesursachen", listet Fiedler auf. "Mit Spezialferngläsern kann man die Nummern auf bis zu 150 Meter Entfernung ablesen", erklärt er. So wurde ein Storch aus Veltensmühle auf seinem ersten Herbstzug am 8. August 2009 in Belgern bei Torgau beobachtet. Die planmäßige "Ablesung" aller beringten Altstörche im Harzkreis ergab beispielsweise, dass eine Störchin, die gegenwärtig in Emersleben drei Junge aufzieht, aus Holland stammt, 15 Jahre alt ist und mindestens das sechste Jahr auf demselben Nest ansässig ist. Die Ringe bekommt Fiedler von der Beringungsstation auf der Ostseeinsel Hiddensee. Die dortige Vogelwarte ist für den gesamten Osten der Republik zuständig.

"Wenn drei durchkommen, wäre das ein gutes Ergebnis"

Und dann geht es in die Lüfte. Unterstützung erhält Fiedler von der Halberstädter Feuerwehr. Brandmeister Tobias Zwengel kommt mit einem Löschfahrzeug vorgefahren und fährt die 30 Meter lange Drehleiter aus. Fiedler und er besteigen den Korb, es regnet in Strömen. "So lange es nicht stürmt ist das aber kein Problem", beruhigt der Feuerwehrmann die zahlreichen Schaulustigen, die sich unter Hauseingängen und Regenschirmen trocken halten wollen.

Kaum ist die Leiter auf dem Weg zum dem Storchennest in 17 Meter Höhe, machen sich die Storchen-Eltern auf die Flucht und beobachten das Geschehen aus sicherer Entfernung Auf dem alten Fabrikschornstein angekommen, kann Fiedler den Schaulustigen gute Neuigkeiten mitteilen: "Alle vier Jungen sind wohlauf." Der eine Storch sei zwar etwas kleiner geraten als seine drei Geschwister, aber das sei nicht besorgniserregend, erzählt Fiedler, als er wieder unten ist. Die Tiere haben sich unmittelbar nach seiner "Ankunft" auf dem Schornstein totgestellt. "Das machen die immer so", weiß Georg Fiedler. Das macht für ihn die Arbeit aber leichter. Im Handumdrehen hat er den Vögeln die Ringe mit den Nummern "H9551", "H9552", "H9553" und "H9554" um den linken Fuß herum angelegt. In ungeraden Jahren wird der linke Fuß genommen, in geraden Jahren wird dann der rechte Fuß ausgewählt", erklärt der Storchenbeauftragte das Prozedere. So kann bereits auf den ersten Blick erkannt werden, wann der Storch in etwa geboren wurde.

Der zahlreiche Nachwuchs, der in diesem Jahr in Veltensmühle auf die Welt kam, ist rekordverdächtig. Mehr als vier waren es in all den Jahren noch nie in dem Halberstädter Ortsteil. "Wenn drei von ihnen durchkommen, dann wäre das schon ein ziemlich gutes Ergebnis", erklärt Fiedler. Dass alle Tiere überleben sei nicht die Regel. Erst im Jahr 2009 hatten die Veltensmühler bedauerlicherweise mitansehen müssen, wie einer der damals vier Jungstörche als Opfer nasskalten Wetters von Georg Fiedler tot aus dem Nest geholt werden musste.

Im Februar dieses Jahres hatten die Anwohner gemeinsam mit fleißigen Kameraden der Halberstädter Feuerwehr die Geburtsstätte der Adebare auf Vordermann gebracht. Nachdem das Nest im Laufe der Jahre in Schieflage geraten und schließlich abgekippt war, musste das alte Wagenrad, das die Grundlage bildet, neu befestigt werden und erstes Nistmaterial wurde eingeflochten. Groß war die Freude bei den Einwohnern von Veltensmühle als noch am selben Tag der erste Storch "heim" kam und den Schornstein besiedelte.

Für Georg Fiedler ist es keine Selbstverständlichkeit, dass er stets tatkräftige Unterstützung durch die Feuerwehr bekommt. "Sowohl die Beringung als auch das Geraderücken und Ausflechten des Wagenrades nach dem Nestabsturz im Februar wären ohne diese technische Hilfe nicht möglich gewesen", sagt er voller Dankbarkeit.

Eins steht auf jeden Fall fest: Der Storch "H9551" und seine drei Geschwister werden bis zu ihrem ersten Abflug in den Süden bei den Veltensmühlern bestens aufgehoben sein.

Übrigens: Wer an Störchen interessiert ist und beispielsweise größere Ansammlungen von ihnen auf Mähwiesen erspäht hat, kann sich bei Georg Fiedler unter der Telefonnummer (01 78) 8 63 68 oder per E-Mail an fiedler@storchenwelt.com melden.