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Sticken, Klöppeln, Flechten: Erster Textilkunsttag Ostfalen in Morsleben zeigt große Bandbreite Frauen wollen Handarbeitstechniken ihrer Großmütter erhalten

Von Marita Bullmann 30.07.2012, 05:28

Morsleben l Sie wollen das, was für ihre Großmütter und Urgroßmütter noch alltäglich war, selbst praktizieren und weitergeben. Aus dieser Idee entstand der Verein Frauenkulturmuseum, der am Sonnabend zum ersten Textilkunsttag Ostfalen ins Infohaus des Endlagers Morsleben eingeladen hatte. Die meisten Frauen hatten sich über das alljährliche Klöppeltreffen kennengelernt, das vor zwölf Jahren aus der Taufe gehoben wurde und meist in der Gedenkstätte Marienborn stattfand.

An diese ersten Treffen kann sich Margrit Kuhn aus Ochtmersleben noch gut erinnern. "Beim ersten Mal kamen wir mit dem Zug an, auf dem Bahnsteig wurden wir mit einem Schild ¿Klöppeln\' empfangen und zur Gedenkstätte gebracht. Ich hatte mein Fahrrad mit, ich hätte nicht gedacht, dass es hier so hügelig ist", erzählt die Ochtmersleberin und muss immer noch lachen. "Hallo, Nachbarin, was klöppelt Ihr da?" hieß es damals, denn Frauen von beiden Seiten der früheren innerdeutschen Grenze fanden hier zusammen.

"Das ist gelebte Wiedervereieinigung", versichert Barbara Fiedler, eine der Initiatorinnen der Treffen. "Ost und West, ist das heute noch ein Thema?", fragt Uta Ulrich aus Detmold etwas später und schüttelt den Kopf: "Bei uns nicht, darüber reden wir gar nicht mehr."

Die Frauen kommen einmal im Jahr in großer Runde zusammen, aber in kleinerem Kreis auch zwischendurch mal. Das Interesse an der Arbeit früherer Frauengenerationen und auch die Umsetzung alter Textiltechniken in die heutige Zeit verbindet sie.

In früheren Zeiten haben die Frauen sehr viel Handarbeiten gemacht, Kleidung genäht, Wäsche gestopft und geflickt, blickt Barbara Fiedler zurück. Es gab nichts von der Stange, oder es war zu teuer. Heute werden Handarbeiten gemacht, weil es Spaß macht.

"Wir wollen die alten Textilkunsttechniken erhalten und weitergeben", bekräftigt Susanne Goering, die Vorsitzende des vor zwei Jahren gegründeten Vereins Frauenkulturmuseum.Die Frauen hoffen, dass sie in Königslutter Räumlichkeiten für ein Museum bekommen.

"Wir haben schon vieles gesammelt oder selbst nach alten Techniken hergestellt, aber das liegt bei uns zu Hause, wo es keiner sieht. Deshalb bemühen wir uns um eine kleine Ausstellung", erläutert Barbara Fiedler.

"Wir wollen unser Wissen aber auch gern an Kinder und Jugendliche weitergeben", ergänzt Susanne Goering. Annette Diers hat das gerade praktiziert. Auf einem Abenteuerspielplatz in Melverode hat sie mit Kindern, die so um die zwölf Jahre alt waren, in einem Mittelalterprojekt Gürtel und anderes angefertigt. Das Fingerhäkeln und Tünteln habe den Kindern sehr viel Spaß gemacht.

Ganz begeistert sind die Frauen von den Räumlichkeiten im Info-Haus in Morsleben. Bis morgen läuft hier gleich noch ein Klöppelkurs, in dem Uta Ulrich auch zeigt, wie Arbeiten geplant werden. Wie Bänder sich kreuzen, ist das Thema. Hildegard Ebel wird hier im November 16 Frauen die von ihr erdachte Morsleber Stickerei näherbringen.

"Mit Sprang entstand die Strumpfhose des Mittelalters"

Gudrun Hildebrand

Hildegard Ebel, die in Morsleben zu Hause ist, hat ihr Herz aber auch an die Sprang-Technik gehängt. Dazu gibt es am Sonnabend einen extra Ausstellungsraum. Gudrun Hildebrand aus Ahmstorf sitzt am Sprang-Rahmen und erklärt Neugierigen geduldig, worauf es beim Sprang ankommt. "Mit Sprang entstand die Stumpfhose des Mittelalters", erzählt sie. Mit der Flechttechnik entsteht eine textile Fläche, die sich dehnt und also nachgibt, wenn daraus eine Hose entstanden ist. "Wie hätten sich die Narren damals sonst so bewegen können?"

Beim Sprang zieht sich das Geflecht um etwa 30 Prozent zusammen. Da müssen die Frauen früher an Längen von 3,20 bis 3,60 Meter gearbeitet haben, damit die Hosenbeine hinterher gepasst haben, meint die Ahmstorferin, denn die Längen beider Hosenbeine mussten in eins hergestellt werden.

Die Ausstellung zeigte viele moderne Umsetzungen der Sprangtechnik und die Kombination mit anderen Techniken. Sie habe durch Zufall Hildegard Ebel kennengelernt, die das noch vermitteln kann, sagt Gudrun Hildebrand, in inzwischen selbst Sprang-Expertin ist.

An mehreren Tischen zeigen Frauen aus Halberstadt dänische Stickerei. Seit 1996 besteht diese Gruppe, die beim Frauenkulturmuseums-Verein zu Gast ist. Die Frauen haben sich bei einem Hardanger-Kurs an der Volkshochschule kennengelernt und sich dann der dänischen Stickerei zugewandt, erzählt Alina Thönsen.

Der Verein ist zu erreichen über frauenkulturmuseum-koenigslutter@web.de oder Tel. (05353) 3221.