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Schüler und Studenten gestalten Aktion der Gruppe der 2. Generation in Langenstein-Zwieberge Jugendliche tragen die Erinnerung weiter

Von Sabine Scholz 16.04.2013, 03:16

Halberstadt l Junge Leute erinnern an Ereignisse, die weit vor ihrer Geburt geschahen. Und halten damit eine Erinnerung wach, die aufmerksam machen will auf die Gefahren für die Demokratie.

Als Ieva Zagorska die Bücher ihres Vaters las, erst da erfuhr sie, was er erlebt und erlitten hatte. "Gesprochen hat er darüber nie mit uns Töchtern", sagt sie und blickt zu ihrer Schwester Sana. Dabei hatte Miervaldis Berzins-Birze einiges zu erzählen.

Als Medizinstudent war der junge Lette von den Deutschen verhaftet worden. Sein Weg führte ihn auch nach Langenstein-Zwieberge, wo er im Krankenrevier versuchte, den Mitgefangenen zu helfen. Ein fast aussichtsloser Versuch, wie seinen Erinnerungen und denen anderer Überlebender zu entnehmen ist.

Jugendliche aus der Berufsschule Böhnshausen und der Sekundarschule Gernrode haben diese Erinnerungen durchforstet und vorgetragen. Zum Gedenken an die Befreiung des KZ Langenstein-Zwieberge hatten sie in unmittelbarer Nähe zur Krankenbaracke Mikrofone aufgebaut und einen Monitor, auf dem Szenen der Lagerbefreiung zu sehen waren. Sie lasen aus den Texten der Überlebenden und erzeugten ein plastisches Bild von den grauenvollen Zuständen im Revier. Totkranke und Sterbende auf dünnen Lagen aus Papier, keine Medikamente, dafür zwei Mann in einem Bett. Blutende, eiternde Wunden, vom feinen Felsstaub zerschnittene Lungen, vom Hunger aufgedunsene Leiber, Amputationen ohne Narkose. Die todbringende Arbeit im Stollen, die chronische Unterernährung forderte viele Menschenleben. Und die, die überlebten, wogen bei ihrer Rettung selten mehr als 34 oder 35 Kilo. Körperlich aufgepäppelt, konnten sie Wochen und Monate später den Weg in ihre Heimatländer antreten, doch das Erlebte ließ sie nie los - auch wenn sie oft darüber schwiegen.

Die Beschäftigung mit den Texten hat die jungen Leute sensibel gemacht. "Das Erinnern ist wichtig, das weiterzuerzählen, was hier geschehen ist", sagt Esther Feistauer.

Die heute 24-Jährige war als Fachoberschülerin zum ersten Mal dabei, als Jugendliche Ideen von Kindern und Enkeln der Lagerüberlebenden umsetzten. Inzwischen ist sie Studentin und macht weiter mit - weil es ihr wichtig ist. "Zu Anfang wusste ich nur, dass es diese Gedenkstätte gibt. In den Projekten haben wir sehr viel gelernt über die Ereignisse damals", berichtet sie. "Zuerst war ich schockiert, traurig, habe mich geschämt dafür, was hier Menschen angetan wurde. Aber dann habe ich gemerkt, dass die Vermittlung zwischen den Generationen nur funktioniert, wenn man sich persönlich engagiert. Und dass das Erinnern nicht nur geschichtliche Fakten braucht, sondern dass das Entsetzliche auch mit dem Herzen begriffen werden muss." Ein Ansatz, den Toralf Nickerl und Martin Ecke teilen, die ebenfalls nicht zum ersten Mal bei einem dieser Projekte mitwirken. "Was damals geschah, zeigt, wie wichtig es ist, auch heute genau hinzusehen, sich einzumischen und mitzuhelfen, die Demokratie zu bewahren", sagt Toralf Nickerl.