Schönhauser erzählen von ihren Erinnerungen beim Betrachten der 35 Jahre alten Fotos 1977 in der Fontanestraße: Schlange vor Bäcker, Knaller aus der Drogerie, Medizin von Hans Otto
Mit alten Zeitungsfotos von 1977 in der Hand begab sich die Volksstimme in der Schönhauser Fontanestraße auf Spurensuche. Mit den Erinnerungen der Familien Groß, Siedler, Braunschweig und Ölmann starten wir heute mit einer neuen Serie, die "Fotos von damals" zeigt.
Schönhausen l "Da hatten wir die Bäckerei gerade eröffnet." Christel und Wolfgang Groß betrachten das alte Foto und erzählen, wie sie am 1. Mai 1977 die ersten Brote und Brötchen verkauften. Zwei Jahre lang hatte die Bäckerei direkt an der F107 leergestanden, nachdem Bäcker Lentzkow die Backstube geschlossen hatte. "Der Rat des Kreises bettelte uns förmlich, dass wir die Bäckerei übernehmen", erzählt Christel Groß. Sie hatte das Bäckerhandwerk bei ihrem Vater, Franz Glaser, in Klietz gelernt. Ehemann Wolfgang Groß, ebenfalls Klietzer und gelernter Bäcker, war nach der Ausbildung ein paar Jahre zur See gefahren, arbeitete kurz beim Maschinenbau in Stendal und ging dann zusammen mit seiner Frau zurück zu den Bäckerwurzeln. "Im November 1976 kauften wir die Bäckerei, bauten alles um und modernisierten. Dabei haben wir auch einen alten Frachtbrief über die Lieferung eines Eimers Marmelade an Bäcker Schulze aus dem Jahr 1894 gefunden. Bei Bauarbeiten am Dach wurde eine Zeitung von 1860 gefunden, so alt muss das Haus also mindestens sein." Wenn das Ehepaar zurückblickt auf die 70-er und 80-er Jahre, sind es Erinnerungen an lange Schlangen bis raus auf die Straße, "sonnabends haben die Leute schon eine Stunde vor Öffnung angestanden. Und wenn es einmal pro Woche Pfannkuchen gab, haben sie meist für die letzten Kunden nicht mehr gereicht." Längst war es mit den technischen Möglichkeiten nicht so einfach wie heute, dauerte die Zubereitung von Brot, Brötchen, Kuchen und Torten viel länger. Und auch die Besorgung der Zutaten glich oft einem Abenteuer. Nun, im 35. Jahr des Bestehens der Bäckerei Groß, macht man sich langsam Gedanken über die Zukunft. Sohn Sebastian steht seinem Vater schon seit einigen Jahren als Bäcker zur Seite.
Übrigens: Von einst fast 20 Backstuben im Kreis Havelberg gibt es heute nur noch vier, zwei davon mit Bäcker Groß und Peters in Schönhausen.
Auf dem Foto vom Mai 1977 ist auch der Trabi von den Nachbarn zu sehen. Der war der ganze stolz von Klaus und Christel Siedler. "Er hatte eine ganz besondere Heizung, zwei Auspuffe, Rollgurte und verchromte Außenspiegel. Etwa zehn Jahre haben wir ihn gefahren, bevor wir ihn an Dr. Eckstedt verkauften", erzählt Klaus Siedler. An sein Haus schließt sich die Apotheke an.
Die war 1893 als Bismarck-Apotheke von Apotheker Küster eröffnet worden. Seit 1955 trägt sie den Namen "Fontane". Zu DDR-Zeiten stand sie viele Jahre unter staatlicher Leitung von Hans Otto. Brigitte Braunschweig wurde 1988 seine Nachfolgerin. Sie übernahm die Apotheke 1991 in private Hand, 2006 übergab sie die Leitung an ihren Sohn Steffen Braunschweig. Im Laufe der Jahre gab es etliche Modernisierungen. Nur noch selten werden heute Salben und Säfte auf Rezept selbst hergestellt - damals ganz selbstverständlich.
Neben der Apotheke befand sich zu der Zeit, als das Foto entstanden ist, das Frisörgeschäft von Karl Lietze. Schon sein Vater Ernst hatte hier Haare geschnitten. Und es gab auch Toilettenartikel und Tabakwaren.
Der heute geschlossene Frischemarkt war einst der Dorfkonsum, in dem Lindi Brey viele Jahre die Verantwortung trug. Alte Fotos belegen, dass hier schon ganz lange Lebensmittel verkauft wurden, damals von Kaufmann Franz Lietz.
Neben dem Konsum befand sich die Drogerie. In der ehemaligen Sattlerei Dreber hatte Uwe Stahlmann aus Tangermünde 1977 die Drogerie eröffnet. Ein Jahr später übernahmen Silke und Klaus Ölmann als Kommissionäre des Konsums das Geschäft, das sie bis 1991 führten. Gut gefüllte Regale mit Haushaltschemie, Kosmetik oder Farben und Lacke zu haben, war zu DDR-Zeiten nicht einfach. "Wir konnten zwar über einen Katalog alles mögliche bestellen, aber geliefert wurden nur die nötigsten Dinge, und oft hörten wir ,Nein, haben wir nicht!\' Wenn man etwas mehr als die übliche Zuteilung haben wollte, musste man selbst zum Abkauf fahren. Das haben wir auch regelmäßig gemacht. Nicht nur nach Stendal und Magdeburg, sondern hin und wieder sogar bis runter ins Erzgebirge sind wir gefahren, um Weihnachtsbaumkugeln und Kerzen zu holen." Heute sei es kaum mehr vorstellbar, dass bei den Lieferanten um jede Packung Spee gebettelt werden musste, "und wenn wir dann eine Lieferung bekamen, haben die Leute Schlange gestanden. Für alle Kunden hat es meist nicht gereicht - es war nicht schön, zu sagen, dass ausverkauft ist". Lange Schlangen hatten sich alljährlich Ende Dezember gebildet, wenn Ölmanns Silvesterfeuerwerk verkauften. Auch Knaller und Raketen wurden nur in vorgegebener Menge abgegeben, damit es für möglichst viele Kunden reicht.