Interessengemeinschaft schickte Hechtwagen auf Fahrt / Herstellerfirma setzte Zwangsarbeiter und Häftlinge ein Ein Meilenstein mit einer Schattenseite
Magdeburg. Technische Denkmäler wie das Schiffshebewerk Magdeburg-Rothensee und Kirchen wie Sankt Petri öffneten gestern zum Tag des offenen Denkmals. Diesen nahm man im Sudenburger Straßenbahndepot zum Anlass, den Hechtwagen fahren zu lassen.
Das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals "Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?" passt. Denn auch der Hechtwagen (der Typ wurde von 1938 bis 1973 in Magdeburg eingesetzt) erzählt eine zweischneidige Geschichte, so die Interessengemeinschaft Historischer Nahverkehr Straßenbahnen (IGNah) bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben (MVB). Sie schickte einen Hechtwagen mit der Wagennummer 70 (Baujahr 1943), der bis in die 1970er Jahre auf Magdeburgs Gleisen im Einsatz war, als Linie 77 auf Fahrt zwischen Sudenburg und Alte Neustadt. "Technisch stellt das Fahrzeug einen Meilenstein im Straßenbahnbau dar, weil alles Traditionelle verworfen und durch neue Ideen ersetzt wurde. Er galt als modernster Wagen seiner Zeit. Erstmals musste der Fahrer nicht mehr kurbeln und arbeitete im Sitzen", so Ralf Kozica von der IGNah. Erbauer Alfred Bockemühl betrachtete den Wagen bei der Konstruktion aus Personal- und Fahrgastsicht: "Er wollte die verlorene Zeit, also die Fahrtzeit zwischen Arbeit und Wohnung verkürzen und angenehmer gestalten", berichtet Kozica. Da die Technik damals neu gewesen sei, war sie auch anfälliger für Störungen. Kozica: "Das spürt man heute auch noch, denn er holpert."
Der Hechtwagen birgt auch eine Schattenseite in seiner Geschichte, da ab dem Jahr 1942 von der Herstellerfirma Christoph und Unmack in Niesky (Oberlausitz) Zwangsarbeiter und Häftlinge des Konzentrationslagers Groß-Rosen (Polen)eingesetzt wurden, die vermutlich am Bau der Hechtwagen-Flotte beteiligt waren. Dies sei erwiesen, heißt es von der IGNah. Welche Funktionen sie genau übernommen haben, sei allerdings ungeklärt.
Überrascht zeigten sich die Bahnenthusiasten Mike Neuendorf und Fritz Danschewitz, die eigens eine zweieinhalbstündige Fahrt aus Märkisch Oderland auf sich nahmen, um am Sudenburger Depot den Hechtwagen in Aktion zu sehen. "Wir wussten nicht, dass er neben Dresden auch in Magdeburg eingesetzt wurde." Wurde er - und zwar als kleine Zweiachser-Variante.