Radtour In die älteste Stadt
„Mit dem Fahrrad durch das Salzland“ geht‘s von Staßfurt nach Aschersleben.
Staßfurt/Aschersleben l Aschersleben wurde bereits 753 urkundlich erwähnt und reklamiert nicht ohne Stolz den historischen Superlativ „älteste Stadt“ Sachsen-Anhalts für sich. Sie haben die „Stadt der Möhrenköppe“ bestimmt schon besucht, doch in diesem Falle sind Sie gleichzeitig zu einer Reise „zurück in die Gegenwart“ eingeladen.
Als Ausgangspunkt für die Unternehmung wird nicht zufällig das ehemalige Kaufhaus „Taeger“ in der Staßfurter Steinstraße 21 gewählt. Denn dieses Gebäude hat einen historischen Bezug zu Aschersleben.
Die Ursprünge des Kaufhauses gehen in das Jahr 1854 zurück, als H. Taeger in der Bodestadt ein Kaufhaus etablierte. Sicher war das im Zusammenhang mit dem Teufen ersten Kalischächte zu sehen. Es war die Konkurrenz in Gestalt der Firma „Rahmlow und Kressmann“ aus Aschersleben, die 1909 das Kaufhaus als Filiale übernahm. Doch der Name „Taeger“ blieb den Staßfurtern erhalten. Das Unternehmen florierte so gut, dass man den prominenten Ascherslebener Stadtbaurat Dr. Ing. Hans Heckner (1878 – 1949) engagierte. Dieser baute 1914 ein neues Kaufhaus am besten Platz in Aschersleben, wo es heute noch steht, nämlich am Markt gegenüber dem Rathaus.
Heckner hat mit zahlreichen Bauten und städteplanerischen Aktivitäten das Antlitz seiner Stadt geprägt. Selbst in schwierigen Zeiten gelang es „Rahmlow und Kressmann“, den Stadtbaurat 1927 erneut zu gewinnen, damit dieser auch die Filiale in Staßfurt als „Modehaus H. Taeger“ nicht nur erweitert, sondern auch ein attraktives Aussehen verschafft. Die eindrucksvolle Architektur ist ein typisches Kind Heckners. Eine Erinnerungstafel über die wechselvolle Geschichte des außergewöhnlichen Bauwerkes ist für den aufmerksamen Betrachter wünschenswert.
Von der Steinstraße aus lassen Sie uns in Richtung Hecklingen radeln. Dabei bleiben wir auf der südlichen Bodeseite, um auf dem komfortablen Radweg der Hecklinger Straße das Kaufland zu passieren. Schnell sind wir in Hecklingen und biegen am Rathaus links (südlich) ab, lassen die romanische Basilika und das Stadtschloss links liegen. Wir verlassen die vertraute Bodeniederung, und es geht auf der Landstraße L 73 sportlich bergan. Wo die Straße rechts (westlich) nach Winningen abbiegt, fahren wir geradeaus (südlich) weiter auf den asphaltierten Landwirtschaftsweg und können den Kraftverkehr hinter uns lassen.
Am rechten Wegesrand überdauerte eine weitere Verbindung von Aschersleben und Staßfurt. Es sind die gut erkennbaren Pflastersteine des Straßenprojektes, das vor dem 1. Weltkrieg begonnen, aber wegen der Kriegsereignisse nie vollendet wurde. Dabei fehlten im Mittelabschnitt nur noch etwa zwei Kilometer zwischen Aschersleben und Hecklingen.
Wir steuern auf eine respektable Windkraftanlage zu, und nach etwa fünf Kilometern biegt rechts die unvollendete gepflasterte Hecklinger Straße ab. Wir halten uns aber links auf einem Doppelbetonstreifen in Richtung Osten. Nach weiteren 1000 Metern biegen wir an einer Wegekreuzung rechts (südlich) ab. Geradeaus würde es nach Strummendorf und Güsten gehen.
Dem Betondoppelstreifen folgen wir mit seinen zwei Kurven, um auf einer Brücke die B 6/ A 36 zu überqueren.
Endlich haben wir an einem Autohaus den Ortseingang von Aschersleben erreicht und können auf dem Radweg parallel zur Güstener Straße in Richtung Stadtzentrum bergabrollen. Um dem Kraftverkehr dieser vielbefahrenen Einfahrtsstraße auszuweichen, biegen wir am Kreisverkehr rechts in die Keplerstraße ein, um an der folgenden Straßenmündung links in die Hecklinger Straße abzubiegen. Dem Straßenverlauf folgend, überqueren wir die Bahnlinie. Hinter der Schranke biegen wir rechts und nach 100 Metern wieder links ab, um über den Parkplatz eines großen Einkaufsmarktes zu einer Fußgängerampel zu gelangen, die uns ins Stadtzentrum von Aschersleben führt.
Wir passieren den einzigen erhaltenen mittelalterlichen Torturm von Aschersleben. Der Johannisturm ist mit seiner stattlichen Höhe von 42 Meter eines der Wahrzeichen der Stadt. Das Rathaus ist nur wenige Meter weiter nicht zu verfehlen. Baumeister Dr. Hans Heckner hat mit seinem Erweiterungsbau 1935 ein bleibendes Werk hinterlassen, an dem sich nicht nur die Ascherslebener erfreuen. Es gibt eine Vielzahl weiterer Bauten, welche die Einestadt in den Jahren seines Schaffens enorm aufwerteten. Wer seinen Baustil genau betrachtet, dem werden Parallelen zum Kaufhaus „Taeger“ in Staßfurt sofort auffallen.
Der Kernbau des Rathauses stammt aus dem Jahre 1517. Rundum gesehen, kann man verschiedene Stilepochen der Erweiterungen der letzten Jahrhunderte erkennen.
Gegenüber dem Rathaus finden wir das Kaufhaus „ELKA“. Es handelt sich um das oben beschriebene Kaufhaus „Rahmlow und Kressmann“ aus dem Jahre 1914. Die Eigentümer haben seit dieser Zeit oft gewechselt, doch für die Ascherslebener und deren Gäste ist es ein beliebter Anziehungspunkt geblieben.
Nur etwa 300 Meter von hier entfernt wartet das Ziel des Ausfluges auf uns: der Graue Hof, der etwas versteckt in der gleichnamigen Straße zu finden ist. Die Fahrräder können bequem auf dem Hof abgestellt werden, und ein „Stilles Örtchen“ ist auch zu finden.
Dieses frühgotische Gebäude aus dem 13. Jahrhundert diente den Askanischen Grafen als Wirtschaftshof und wurde in dieser Zeit deshalb als Grafenhof bezeichnet. Graf Otto I. schenkte das Anwesen 1309 dem Kloster Michaelstein im Harz. Später wurde der Graue Hof von der Stadt Aschersleben erworben. Im 20. Jahrhundert wurde das Gebäude unter anderem als Gefängnis und Archiv genutzt. Nach kläglicher Vernachlässigung drohte der Verfall, doch zum Glück erfuhr das Baudenkmal 1993 eine Renaissance durch die Übernahme vom Ascherslebener Kunst- und Kulturverein e.V.
Nun kann man hier nicht nur vorzüglich ein Mittagessen zu fairen Preisen einnehmen, sondern sich auch kulturellen Leckerbissen hingeben. Von hier aus starten ab 11 Uhr sonntags thematische Stadtführungen, wobei ein Nachtwächter, Schatzsucher oder Henker auf Sie warten könnte. Davor wird ein Frühstück ab 9.30 Uhr angeboten. Wer seine Radtour so einrichtet, dass er/sie an Werktagen zwischen 12 und 14 Uhr hier ankommt, kann sich von der Bistrokantine überzeugen lassen. Durch das Haus kann man an Werktagen zwischen 10 und 16 Uhr ganz ungezwungen wandeln, zumal meist Ausstellungen oder andere Veranstaltungen die Besucher in ihren Bann ziehen. Mehr Infos unter www.grauerhof.de Demnächst werden auch Übernachtungen angeboten, erklärt uns stolz Ernst Karl vom Böckel, Vorsitzender des Aschersleber Kunst- und Kulturvereins.
Haben Sie genug vom gräflichen Hof, muss nicht gleich an die Rückfahrt gedacht werden, denn Aschersleben hat mehr zu bieten: Sehenswürdigkeiten, Museum oder Gaststätte? Auch das Befahren des Promenadenringes mit dem Fahrrad ist gestattet und vermittelt einen Eindruck vom Verlauf der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Wer einen unverstellten Brockenblick genießen will, sollte auf den Burgberg fahren.
Wer auf dem Rückweg eine reizvolle Alternative nehmen möchte: über Welbsleben, Neu Königsaue und Gänsefurth wäre das, aber auch weiter. Bis zum Erreichen des Fernradweges R 1 in Neu Königsaue existiert zwar ein flacher Radweg am Wilslebener See vorbei, doch der ist leider nicht nur schlecht ausgezeichnet, sondern auch zum Teil in einem desolaten Zustand. Sollten alle Ketten reißen oder sich ein Gewitter anbahnen, so bleibt immer noch der Weg zum Bahnhof, um mit dem Zug die Rückfahrt anzutreten.
Quellen: Ascherslebener Anzeiger vom 7. 9. 1929, 18.3.1930; Hans Heckner – Städtebauliches Kolloqium 1998; Volksstimme Magdeburg vom 10.2. 1928; Emil Straßburger – Geschichte der Stadt Aschersleben