Wassertourismus Sind die Kanuten mit im Boot?
Das Bodewehr in Staßfurt soll einen Fischpass bekommen. Ist das auch für Wassersportler eine gute Nachricht?
Staßfurt l Boris Funda weiß nicht, ob er weinen oder lachen soll, als er diese Neuigkeit hört. In Staßfurt betreut er etliche Wassertouristen über seinen Kanuverleih. Als ihm die Volksstimme-Redaktion die Neuigkeit berichtet, dass der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) Sachsen-Anhalt am Bodewehr in Staßfurt bauen will, ahnt er Schlimmes: Haben die Behörden an Einstiege für Wassertouristen gedacht? Warum werden nicht auch in Staßfurt Fischtreppen gebaut, die auch für Kanuten befahrbar sind? Hatte nicht der Landrat erst neulich verkündet, er will sich verstärkt für den Wassertourismus auf der Bode einsetzen? Den Salzlandkreis damit sogar bewerben?
Der LHW erklärt, nach einer Anfrage der Volksstimme, was genau mit dem Bodewehr in Staßfurt passieren soll. Zuständig für den Fluss und seine Anlagen ist übrigens immer das LHW, es hat nur den Betrieb des Wehres an das Sodawerk übertragen. Die Behörde erklärt: Ab frühestens 2017 soll eine Fischtreppe zum Wehr hinzugefügt werden, finanziert über ein Fördermittelprogramm der Europäischen Union.
Die Anlage selbst wurde schon 1995 bis 1997 umfangreich saniert, teilt das LHW mit, die Wehranlage selbst soll nicht umgebaut werden. „Das Wehr bleibt in seiner Staufunktion zur Brauchwasserversorgung des Sodawerks erhalten. Problematisch ist, dass es als Querbauwerk für Fische ein Wanderhindernis darstellt“, so die Behörde. „Unter Beibehaltung der vorherrschenden Ober- und Unterwasserstände soll in Fließrichtung betrachtet, als Vorzugsvariante, neben der rechten Wehrwange eine Fischaufstiegsanlage in Form eines Schlitzpasses gebaut werden.“ Der Pass also soll die Wanderung von Fischen wie etwa Barbe, Döbel, Gründling, Bachforelle, Hecht, aber auch die Wiederansiedlung von Lachs und Meerneunauge ermöglichen.
Die Behörde teilt auch mit, dass sie die wasser- und naturschutzrechtliche Genehmigung für den Anbau seit September 2015 hat. Und gerade das verwundert Boris Funda. Als Anbieter eines Kanuverleihs sollte er dazu kontaktiert werden. Er hat teilgenommen an verschiedenen Treffen einer Arbeitsgruppe, die über die Landkreise hinaus den Bodetourismus stärken will. Die Landräte gaben sogar einen offizielle Willenserklärung zur gemeinsamen touristischen Entwicklung der Bode ab. Es wurde öffentlich versprochen, dass man die örtlichen Kanuverleiher im wahrsten Sinne des Worte „mit ins Boot holt“. Immerhin kennen diese sich am besten aus mit den örtlichen Begebenheiten des Flusses.
„Ich kann es nicht glauben, mich hat keiner kontaktiert“, sagt Boris Funda vor Ort am Bodewehr in Staßfurt. „Baut man jetzt einfach die Fischtreppe ohne irgendwie auf das Wasserwandern einzugehen? War‘s das dann?“ In anderen Bundesländern gebe es sehr schöne Modelle, wo Fischpass und Bootpass als eine Vorrichtung erbaut wurden - eine Art Steilpass, der so viel Spaß mache, dass er Bootsfahrer aus nah und fern anziehe.
Auch grundsätzlich hat Boris Funda so seine Sorgen mit dem Staßfurter Bodewehr: „Vom Wasser aus wird gar nicht auf das Wehr hingewiesen, für Fremde kommt das völlig überraschend“, so Boris Funda. Zwei alkoholisierte Männer sind sogar schon das Wehr heruntergestürzt. Fremde Kanuten wissen teilweise gar nicht, in welcher Stadt sie sich befinden. „Von der Bode aus gibt es keinen einzigen Hinweise auf Staßfurt“, so Funda. Auch Ein- und Ausstiege fehlen am Bodewehr komplett. „Die Kanuten müssen über die Steine am Ufer, der Verschleiß an den Kanus ist riesig.“
Boris Funda wurde über die Jahre immer mehr enttäuscht. „Seit zehn Jahren versuche ich hier den Wassertourismus in Gange zu bringen und kämpfe nur gegen Windmühlen.“
Am Rothenförder Wehr habe man die Chance für den Bodetourismus endgültig verschlafen: Die Fischtreppe ist extra so gebaut, dass kein Boot durchfahren kann. Den Steg vor dem Wehr hatten die Bauarbeiter nur notdürftig und unentgeltlich angebracht, unterhalb des Wehres gibt es gar nichts für Wassersportler. Hoffentlich passiere das nicht auch beim Egelner Wehr, das bald eine Fischtreppe bekommen soll, sagt Funda.
Hat man die Kanuten und Bootsfahrer einfach vergessen? Darüber kann nur der Leiter des LHW, Burkhard Henning, Auskunft geben: „Doch natürlich denken wir an den Wassertourismus“, erklärt er auf Anfrage. „Wir kennen das Thema und sind dabei, eine Lösung zu finden.“ Welcher Art Vorrichtungen für Kanuten und Co. am Bodewehr sein könnten, kann der Chef noch nicht sagen. Das wird gerade erst in der Behörde erarbeitet. Ob eine Übersetzungsmöglichkeit am Fischpass oder neue Einsteige am Fluss gebaut werden, ist aktuell völlig unklar. „Wir sind Teil der Arbeitsgruppe Wassertourismus und gehen auf die Partner zu“, verspricht Burkhard Henning mit den Akteuren vor Ort ins Gespräch zu kommen. Immerhin habe sich das LHW offiziell dazu bekannt, sich in Sachen Verbesserung des Bodetourismus einzubringen.
Auch in der Salzlandkreisverwaltung ist die Bedeutung des Themas erkannt worden. Die landkreisübergreifende Zusammenarbeit zum Bodetourismus ist sogar auf Initiative des Landrats Markus Bauer im Dezember 2015 gestartet. Bei einem Treffen im März haben, wie der Salzlandkreis mitteilt, die Verantwortlichen der Landkreise eine Arbeitsgruppe zum Wasserwandern gebildet, die sich mit ein Ein- und Ausstiegen an der Bode zwischen Nienburg-Etgersleben, den Beschilderungen vom Wasser aus und der Einbeziehung weiterer Gewässer wie Löderburger See oder Schachtsee Neugattersleben befasst. Konkrete Projekte sollen mit Fördermitteln realisiert werden, aktuell stimmt man sich in Arbeitsgesprächen und Ortstermine weiter ab. Boris Funda hofft, dass sich Landrat und Stadt weiter für das Thema einsetzen und den Wassertourismus voranbringen. „Wir brauchen da einfach ihre die Unterstützung.“