Konrad Breitenborn recherchierte zehn Jahre zu den Ereignissen des 17. und 18. Juni 1953 Historiker leistet Detektivarbeit für Buch über DDR-Volksaufstand in Wernigerode
Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 jährt sich in diesem Sommer zum 60. Mal. Mehr als 7300 Menschen waren auch in Wernigerode beteiligt. Über diese Ereignisse hat Konrad Breitenborn ein Buch geschrieben, in dem er "Klartext reden" wird.
Wernigerode l Es ging um Freiheit, um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Damals, vor sechs Jahrzehnten in der DDR. Der Volksaufstand vom 17.Juni 1953 jährt sich in diesem Sommer zum 60. Mal. Was als spontaner Arbeiteraufstand in der Ost-Berliner Stalinallee begann, gipfelte in landesweite Massenproteste gegen die Regierung in der DDR. Auch im Kreis Wernigerode sind einen Tag später, am 18. Juni 1953, tausende Menschen auf die Straße gegangen und haben demonstriert.
Über die Ereignisse hat Professor Dr. Konrad Breitenborn ein Buch geschrieben, das in diesem Juni erscheint und vom Landesheimatbund herausgegeben wird. "Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit dem Aufstand im ehemaligen Kreis Wernigerode", so der Historiker. 7300 Beschäftigte aus 20 Betrieben streikten im Kreis, allein 2300 Menschen waren im Elektromotorenwerk (Elmo) auf die Barrikaden gegangen. "Das ist mehr als im Republikdurchschnitt", weiß Breitenborn, der im Laufe seiner Buchrecherchen mit zahlreichen Zeitzeugen Interviews führte.
Ihn interessierte vor allem, wer hinter den Ereignissen in Wernigerode steckte. Doch um an die Namen der beteiligten Akteure zu gelangen, musste Breitenborn nahezu detektivisch vorgehen. "Ich bin über Friedhöfe gezogen, habe in Sterbeanzeigen recherchiert", erklärt er. Er wälzte Akten der Wernigeröder SED-Kreisleitung und las Stasi-Dokumente. Letztlich fand er die Namen von fast 90 Streikführern heraus.
Von einzigartigem Wert für seine Recherchen waren dabei Tonbandaufnahmen vom 18. Juni, die Albert Bartneck, der damalige Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung des Elektromotorenwerks, veranlasst hatte. Diese historisch wertvollen Tondokumente, die im damaligen Karl-Marx-Haus im Gießerweg entstanden, wurden 2003 zum 50. Jahrestag des Aufstandes bekannt.
"Bei mir wird Klartext geredet, es gibt keine geschwärzten Namen."
Historiker Konrad Breitenborn
Eine Fundgrube für Konrad Breitenborn. So ist in den Aufnahmen zu hören, wie die Streikenden - darunter der Wickler Gerhard Templin - geheime, freie Wahlen in ganz Deutschland, die Aufhebung der Zonengrenzen und damit die Wiedervereinigung Deutschlands fordern.
Außerdem sprachen sich viele für den Rücktritt der DDR-Regierung aus - und galten danach als potentielle Staatsfeinde. Ausschnitte aus den Aufnahmen wird Konrad Breitenborn zur Präsentation seines Buches "Tage zwischen Hoffnung und Angst" im Juni vorspielen. Die Veranstaltung findet dort statt, wo einst die 2300Elmo-Beschäftigten zusammenkamen - am 18.Juni im Karl-Marx-Haus, der heutigen Trendsporthalle.
"Allerdings wird das Buch nicht nur aufdecken, wer gestreikt hat, sondern auch, wer sich dagegen stellte", kündigt er an. "Es geht mir nicht darum, die Helden des Aufstands zu ehren." Deshalb habe er heftigen Widerstand während seiner Recherchen erfahren. Der hielt ihn jedoch nicht davon ab, aufzudecken, wer auf welcher Seite stand. Breitenborn: "Bei mir wird Klartext geredet, es gibt keine geschwärzten Namen. Sicher wird nicht jeder darüber begeistert sein."
Nach dem Aufstand wurden in Wernigerode 44 Personen festgenommen. "Viele dachten, sie würden nach Russland transportiert und hatten große Angst", erklärt er. Letztlich wurden sie einige Wochen später wieder freigelassen, viele verließen die DDR. Auch der Meister Karl Wernicke, der als Kopf der Aktion im Elmo galt, flüchtete im August 1953 nach Westberlin.
"Dieses Projekt ist so nicht wiederholbar", fasst Breitenborn zusammen. "Die Recherchen haben zehn Jahre gedauert, in dieser Zeit sind 30 Zeitzeugen verstorben."
"Es ist bewundernswert, wie viel Mühe in dem Buch steckt."
Wernigeröder Oberbürgermeister Peter Gaffert
Dass sein Werk für Wernigerode von immenser Bedeutung ist, würdigte Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos). "Es ist bewundernswert, wie viel Mühe in dem Buch steckt", sagt er. "Konrad Breitenborn ist dafür bekannt, dass er sich intensiv mit geschichtlichen Themen auseinandersetzt." Das Schriftstück sei ein "unmittelbares Stück Wernigeröder Geschichte". Gaffert, Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht, Stadtwerke-Geschäftsführer Steffen Meinecke und VEM-Chef Jürgen Sander überreichten Konrad Breitenborn 1278,01Euro für den Druck. Die Vertreter der Stadtwerke-Stiftung würdigen so die Arbeit, die in dem 424Seiten starken Buch steckt.