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In den Bezirken Magdeburg und Halle starben damals 26 Menschen / Buch soll Opfer vor dem Vergessen bewahren. Von Wolfgang Schulz 17. Juni: Totgeschwiegen und so noch mal getötet

15.06.2013, 01:13

Magdeburg l Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 war ein herausragendes Ereignis, das den Untergang der DDR einleitete. Hier wird an einige Ereignisse in den Bezirken Halle und Magdeburg erinnert.

Streiks, Demonstrationen, Unruhen und Aufruhr wurden am 17. Juni in über 700 Städten und Gemeinden in allen Teilen der DDR verzeichnet. Mehr als eine Million Menschen beteiligte sich daran. Auch in Magdeburg, Halle, Bitterfeld und anderen Regionen zündete der Funke.

In Magdeburg traten am 17. Juni in den frühen Morgenstunden Tausende Arbeiter in den Großbetrieben des Schwermaschinenbaus in den Ausstand. Nach Betriebsversammlungen marschierten sie in die Innenstadt. Dabei wurden mehr und mehr die ursprünglich sozialen und ökonomischen Forderungen von politischen Forderungen verdrängt. "Freie Wahlen", "Nieder mit der Regierung", "Freiheit für politische Gefangene" wurden allerorts gefordert. In Bitterfeld, Gommern, Halle, Magdeburg und Merseburg drangen Aufständische in Gefängnisse ein und erzwangen die Freilassung von politischen Häftlingen, allerdings gelang nur wenigen die Flucht in den Westen, die meisten saßen kurze Zeit später wieder ein.

Gegen 11 Uhr trafen sich Demonstrationszüge aus verschiedenen Magdeburger Stadtteilen im Stadtzentrum. Zwischen dem Hauptbahnhof und dem Hasselbachplatz bzw. der Hallischen Straße versammelten sich mehr als 20 000 Demonstranten. Auf dem Weg ins Zentrum waren sie in die Gebäude der Bezirks- und Kreisleitung der SED, des FDGB, der FDJ und der Bezirksbehörde der Volkspolizei eingedrungen, hatten Akten und Möbel aus den Fenstern geworfen.

Schauplatz blutiger Ereignisse wurde die Strafvollzugsanstalt Sudenburg an der Halberstädter Straße. Bei dem vergeblichen Versuch, das Gefängnis zu stürmen, fielen Schüsse. Die Polizisten Georg Gaidzik (32) und Georg Händler (25) sowie der Stasi-Wachmann Hans Waldbach (43) wurden getötet.

Das Blatt wendete sich, als gegen 13 Uhr bewaffnete Sowjetsoldaten mit einem Panzer eintrafen und die Menge gewaltsam zurückdrängten. Dabei starben die Landarbeiterin Dora Borgmann (16), der Kellner Kurt Fritsch (47) und der FDJ-Instrukteur Horst Prietz (17). 45 Demonstranten wurden zum Teil schwer verletzt. Um 14 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant das Kriegsrecht, es begann eine gnadenlose Jagd auf sogenannte Hetzer, Provokateure, Saboteure und Rädelsführer. Allein im Bezirk Magdeburg wurden 827 Personen verhaftet; DDR-weit waren es etwa 10 000 Festnahmen.

Die Justiz beteiligte sich an dieser Verfolgung. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte bereits am 18. Juni den Müllermeister Herbert Stauch (35) und den Lackierer Alfred Dartsch (42) zum Tode. Das Urteil wurde um 14.15 Uhr von einem Volkspolizisten per Genickschuss im Gefängnis Sudenburg vollstreckt. In einem Schauprozess wurde der Gärtner Ernst Jennrich (52) im Oktober zum Tode verurteilt und am 30. März 1954 in Dresden enthauptet. In der sowjetischen Kommandantur in Schönebeck stirbt am 21. Juni 1953 der Landwirt Ernst Grobe (49) unter ungeklärten Umständen.

Im Bezirk Halle wurden am 17. Juni nach Polizeiangaben 211 Betriebe bestreikt. Neben den machtvollen Demonstrationen Zehntausender in der Bezirkshauptstadt mit der Erstürmung öffentlicher Gebäude und der Befreiung von Häftlingen kam es zu Protesten in Merseburg, Wolfen, Naumburg, Eisleben und Bitterfeld. In Halle gelang es am 2000 Demonstranten 245 Gefangene aus der Haftanstalt Kleine Steinstraße zu befreien. Keinen Erfolg hatten dagegen die 700 Menschen, die gegen 14 Uhr die Freilassung der Gefangenen aus dem berüchtigten Zuchthaus "Roter Ochse" verlangten. Die Wachmannschaften eröffneten das Feuer, der Tischler Kurt Crato (42) und der Doktorand Gerhard Schmidt (26) sterben sofort, der Kesselschmied Manfred Stoye (21) nachts im Krankenhaus. Die Belagerung hielt trotz der Schüsse an, bis die Sowjets die Umgebung räumten. Um 16 Uhr verhängten die Sowjets den Ausnahmezustand für Halle. Trotzdem versammelten sich um 18 Uhr rund 60 000 Hallenser zu einer Großkundgebung auf dem Hallmarkt. Sowjetische Panzer vertrieben die friedlichen Demonstranten. Auf dem Rückweg vom Hallmarkt gerieten die Demonstranten immer wieder an Polizisten und MfS-Leute, die rücksichtslos von ihren Waffen Gebrauch machten. Aus Kellerfenstern der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit wurde gegen 20 Uhr ohne Vorwarnung auf die wehrlosen Menschen geschossen. Der 25-jährige Edmund Ewald, von dem weiter nichts bekannt ist, brach getroffen zusammen und verstirbt im Krankenhaus. Ebenso der Malerlehrling Horst Keil (18). Rundfunkmechaniker Rudolf Krause (23) wurde kurz nach 21 Uhr mit einem Kopfschuss tot aufgefunden.

Zu den Toten im Zusammenhang mit dem 17. Juni im Bezirk Halle gehören außerdem die Verkäuferin Margot Hirsch (19) aus Halle, der Bergmann Kurt Arndt (38) aus Eisleben, der Kraftfahrer Erich Langlitz (51) aus Spören im Kreis Querfurt, der Bergmann August Hanke (52) aus Bietegast im Kreis Wittenberg, die angebliche "KZ-Kommandeuse" Erna Dorn aus Halle, der Zimmermann Hermann Stieler (33) aus Bitterfeld, der Bahnpostbeamte Karl Ruhnke (61), der Uhrmacher Wilhelm Ertmer (52) aus Roßlau, der Betriebsleiter Adolf Grattenauer (52) aus Wengelsdorf im Kreis Weißenfels und der Elektromonteur Paul Othma (63) aus Sandersdorf.

Über die Zahl der Todesopfer des Volksaufstandes gab es im Laufe der Zeit die widersprüchlichsten Angaben. Die DDR-Staatssicherheit sprach am 25. Juni 1953 von 25 Toten. Das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen nannte "nach sorgfältig überprüften Angaben" die Zahl 507. Beides stimmte nicht, wie Edda Ahrberg, von 1994 bis 2005 Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, der Volksstimme sagte. Zusammen mit Hans-Hermann Hertle und Tobias Hollitzer hat sie das Buch "Die Toten des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953" herausgegeben.

"Nach unseren Rechercheergebnissen sind 55 Todesopfer durch Quellen belegt, unter ihnen vier Frauen", so Ahrberg. "Die Darstellung ihres persönlichen Schicksals ist ein Versuch, die Toten vor dem Vergessen zu bewahren und ihnen und ihren Angehörigen und Freunden auf diese Weise eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen", betont Ahrberg. Den allermeisten Toten sei ein normales Begräbnis im Familienkreis verweigert worden. "Sie wurden totgeschwiegen und so noch einmal getötet." Im Bezirk Halle kamen 16 und im Bezirk Magdeburg zehn Menschen ums Leben.

Im Einzelnen ergaben die Nachforschungen zu den 55 Todesopfern: 34 Demonstranten wurden von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten erschossen. Nach Todesurteilen von sowjetischen und DDR-Gerichten wurden sieben Menschen hingerichtet, darunter die beiden Magdeburger Alfred Dartsch und Herbert Stauch. Infolge der Haftbedingungen starben vier Personen, und vier Menschen töteten sich in der Haft, wobei in mindestens zwei Fällen Fremdeinwirkung nicht auszuschließen ist. Beim Sturm auf ein Polizeirevier starb ein Demonstrant an Herzversagen. Zudem wurden fünf Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane getötet.

Der 17. Juni 1953 galt im SED-Staat als absolutes Tabuthema, obwohl er schnell zur Legende geworden war. Die Machthaber hatten bis zu ihrem Untergang Angst vor der Kraft und dem Freiheitswillen der angeblich von ihnen vertretenen Arbeiter und Bauern. Der 53er Volksaufstand war das Menetekel, das sich schließlich in der friedlichen Revolution 1989 bewahrheitete.