Auftakt für Diskussionsreihe über "Bildung:elementar"-Neuauflage in Halle / Minister: Sachsen-Anhalt ist bundesweit Vorreiter bei frühkindlicher Bildung Erzieher kritisieren neues Kita-Programm: "Wir haben keine Zeit, das umzusetzen"
Halle/Magdeburg l Erzieher haben scharfe Kritik am neuen, verpflichtenden Kita-Bildungsprogramm des Landes geübt. "Die Inhalte sind hervorragend und sehr praxisnah, aber deren Umsetzung wird eine Herausforderung", sagte Katrin Lademann vom städtischen Eigenbetrieb beim Auftakt der Diskussionsreihe zu "Bildung:elementar" gestern Nachmittag in Halle. Oft fehle dem Personal angesichts von Krankheit und Urlaub einfach die Zeit für die vorgesehene verstärkte Elternarbeit, Beobachtung der Kinder und Dokumentation ihrer Fortschritte, warnte sie.
"Es gibt keine vernünftigen Rahmenbedingungen für die Umsetzung. Wir brauchen zusätzliche Vor- und Nachbereitungszeiten", forderte auch Erzieherin Beate Gellert. "Ist dafür nicht ein befristetes Stundenprogramm möglich?", fragte Ines Franke, Leiterin der Hettstedter Kita "Kolumbus". "Keine Chance", blockte Sozialminister Norbert Bischoff (SPD) ab. "Ich bin froh, dass ich überhaupt 40 Millionen Euro für die Verbesserung des Personalschlüssels im neuen Kinderförderungsgesetz bekommen habe."
"Zielperspektive"
Bischoff warnte davor, eine "rückwärtsgewandte" Diskussion über das im Dezember vom Landtag beschlossene Gesetz zu führen. "Sie haben mich auf Ihrer Seite", versicherte der Minister und betonte, die Arbeit der Erzieher stehe für ihn auf einer Stufe mit der von Lehrern.
Das neue Programm sei eine "Zielperspektive", die Vision einer sehr guten Kita, erklärte Autorin Prof. Ursula Rabe-Kleberg. Sie forderte die 250 anwesenden Eltern, Erzieher und Vertreter von Kita-Trägern auf, zuerst die grundlegenden Prinzipien von "Bildung:elementar" anzuerkennen und dann die Leitlinien umzusetzen. Die Frage, woher die Zeit dafür kommen solle, sei berechtigt. "In vielen Kitas ist durch bessere Organisation noch viel an Freiräumen herauszuholen", ist die Wissenschaftlerin jedoch sicher.
Zwei Jahre hat Rabe-Kleberg mit den Mitarbeitern ihres Institutes an der Fortschreibung des seit 2004 in der Praxis befindlichen "Bildung:elementar"-Programms gearbeitet. "Der Erstling war viel zu akademisch, führte zu Missverständnissen und Verwirrungen", erklärte sie.Nach acht Jahren gebe es neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis. "Jetzt kann keiner mehr sagen, er hat das nicht verstanden", so Rabe-Kleberg über den zur Diskussion stehenden Entwurf.
Noch mehr stünden nun frühkindliche Bildung sowie die Bedürfnisse und Rechte der Kinder im Zentrum, die Grundlage bildeten die UN-Kinder- und Behindertenrechtskonventionen. Erzieher müssten sich von der traditionellen Führerrolle lösen, zum Beobachter werden, der sich frage, wie er die Entwicklung der Kinder unterstützen könne. Die sieben Leitlinien bildeten laut Rabe-Kleberg das Qualitätsminimum: "Es darf keine Kita mehr ohne Eingewöhnungskonzept oder systematische Beobachtung und Dokumentation geben", nannte sie als Beispiele. Dreimal dicker ist das Programm, denn viele Bildungsbereiche wie Musik und Ästhetik, Grundfragen des Lebens kamen neu dazu, außerdem ein Kapitel über die große Bedeutung des Spielens.
In der kommenden Woche stellen Bischoff und Rabe-Kleberg das Papier auch im nördlichen Sachsen-Anhalt zur Diskussion (siehe Infokasten) und sind überzeugt: Sachsen-Anhalt ist bundesweit Vorreiter in frühkindlicher Bildung.