Fans menschenähnlicher Tiergestalten laufen kostümiert durch Maritim-Hotel und Innenstadt / Parade am Sonnabend Haarig: 1000 "Furrys" aus aller Welt treffen sich zum kuriosen Kongress
Mittwochnachmittag im Maritim-Hotel: Das Foyer ist brechend voll mit jungen Leuten, dazwischen verwirrt dreinblickende Geschäftsleute und immer wieder Hunde, Katzen, Füchse und Wölfe, die einem Trickfilm entsprungen zu sein scheinen. Die "Furrys" sind da – 1000 Fans menschenähnlicher Tiergestalten, die sich in Magdeburg bis zum Sonntag zur "Eurofurence" treffen.
Magdeburg. "Das ist nicht normal, dass man ein Kuscheltier bedient. Aber unsere Mitarbeiter sind alle eingewiesen und haben keine Berührungsängste. Wir checken auch Hund, Katze und Maus ein", sagt Maritim-Direktionsassistentin Anke Machlitt mit einem Zwinkern. Ihr Chef Hartmut Korthäuer ließ sich leider nicht überreden, ins Hasenkostüm zu schlüpfen, aber die Azubis, die gestern ihren ersten Tag hatten, haben in der Lobby schon die ersten Fotos gemacht. "Nein", sagt Anke Machlitt, "so eine ausgefallene Veranstaltung hatten wir hier noch nie."
Nahezu alle 415 Zimmer und fünf Konferenzräume des Maritim werden von den "Furrys" belegt, einer stetig wachsenden internationalen Gemeinde aus Fans menschenähnlicher Tiergestalten (siehe Infokasten). Knapp 1000 Eurofurence-Besucher aus 32 Ländern checkten bis gestern Abend im Maritim ein. Sie kommen aus Australien, China, Israel, den USA, aus ganz Europa – und nach Angaben des Veranstalters auch ein paar aus Magdeburg.
"Wir sind eine Art Künstler-Community, viele von uns kennen sich übers Internet", erzählen Michael aus der Schweiz und "Tioh", der als luchsartiger Entertainer in seinem selbst gebauten "Fursuit" (Fellanzug) im Foyer unterwegs ist. Diese Anzüge, mit denen rund ein Drittel der Besucher anreist, sind das Auffälligste an den "Furrys". "Wir entwerfen die Suits selbst und schneidern sie aus Wolle, Schaumstoff und synthetischen Materialien. Das kann bis zu 400 Arbeitsstunden dauern und etliche hundert Euro kosten", erklärt Rico, Spitzname "Tigers Claw". Manche Träger können mit Hilfe ausgeklügelter Elektronik sogar mit den Ohren wackeln und die Augen leuchten lassen. Die Anzüge sind dennoch zerleg- und waschbar.
Doch es ist nicht nur ein Kostüm, wie ein Maskottchen es trägt. "Die Furrys" hauchen ihrem Alter Ego Leben ein, gehen voll in der Figur auf. Deswegen schätzen sie es auch nicht, ihr echtes Äußeres zu zeigen. "Wir machen eine Art Impro-Theater", sagt Tioh. "Haben die Leute Spaß, freuen wir uns auch." "Als Furry kann ich meinen Charakter ausleben und meine Schüchternheit ablegen", ergänzt Rico.
<6>Und in der Tat reagieren die Magdeburger positiv auf die "Furrys", die in der Innenstadt unterwegs sind, wollen sie anfassen und sie fotografieren oder schmunzeln zumindest über die seltsamen Gestalten. Oder sie kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie zwei Polizeibeamte, die am Maritim vorbeifahren. "Wir nehmen es mit Humor, wenn Leute uns als ¿Freaks‘ bezeichnen", sagt Michael. Doch der Fursuit ist nur ein Teil des Hobbys. In Seminaren tauscht sich die Furry-Gemeinde bis Sonntag über Puppenspiel, Grundlagen des Zeichnens, den Anzugbau, Kunst und Theater aus – immer spielen dann auffallend menschenähnliche Tiere eine Rolle. Die Furrys tanzen in der Disko, spielen reichlich Computerspiele und können ein umfangreiches Bühnenprogramm mit Spielshows, Theater, und dem aufwändigen Puppenspiel-Drama "Ogwambi" genießen. Oder sie kaufen ein schönes Bild, zum Beispiel von Claudia Schmidt.
<7>Die 24-jährige Grafikdesignerin ist zum zweiten Mal bei der Eurofurence dabei und will hier ihre neuen Kreationen präsentieren. "Es macht viel Spaß, man bekommt leicht Kontakt zu anderen aus der Szene", sagt sie. Und genau darum geht es den Organisatoren, erklärt Jörg Reuter, Sprecher des ausrichtenden Vereins Eurofurence, dessen 100 ehrenamtliche Mitarbeiter im Hintergrund wirbeln. "Es war für uns richtig schwierig, für knapp 1000 Leute ein passendes Hotel zu finden", sagt Reuter. Angefangen haben die "Furrys" mal in Jugendherbergen, sind aber mittlerweile im 4-Sterne-Hotel angekommen. Magdeburg sei ein guter Kompromiss, ruhig und trotzdem gut erreichbar.
<8>Die Furrys bleiben lieber unter sich, aber bis Sonntag lässt sich in der Innenstadt und vor dem Maritim sicher der eine oder andere Blick auf sie erhaschen. "Wenn das Wetter mitspielt, machen wir am Sonnabend eine Parade", kündigt Jörg Reuter an.<9><10><11><12>