Beteiligte plaudern über die wahren Hintergründe eines beispiellosen Falls von Kirchensanierung Wie es eine kleine Gemeinde zum großen Lapidarium brachte
Das am Wochenende eröffnete Lapidarium St. Gertraud wird nach seiner endgültigen Fertigstellung über 300 Einzelobjekte präsentieren, deren Entstehungszeit vom Mittelalter bis in die Gegenwart reicht. Über die Hintergründe der Entstehung und des Konzeptes des ersten Lapidariums in Sachsen-Anhalt informierten die Beteiligten am Sonntag während eines Podiumsgesprächs.
Salbke. Mit einer kleinen Geschichtsstunde begann Pfarrer Matthias Simon das von ihm moderierte Podiumsgespräch. Nach der Jahrtausendwende wurde die Baufälligkeit der Salbker St.-Gertraud-Kirche immer sichtbarer. Doch der relativ kleinen Kirchgemeinde fehlte das Geld für einen großen (Sanierungs)Wurf. Um Geld aufzutreiben, machte in Salbke zunächst die Idee eines Kolumbariums die Runde. Das hätte bedeutet, einen Teil der Kirche als Bestattungsort für Urnen zu reservieren. Aus den erhofften Einnahmen aus der Vermietung der Grabstätten sollte die Sanierung bezahlt werden. Die Gemeinde sprach sich dagegen aus.
Mit einer anderen Idee sprach dann der Architekt Dr. Friedhelm Ribbert (Büro Ribbert+Saalmann) in der Gemeinde vor: ein Lapidarium (Steinsammlung). Da es das erste Lapidarium in Sachsen-Anhalt sein würde, erhofften sich Architekt und Gemeinde Fördermittel. Die Idee wurde nicht nur für gut befunden, sondern in mühsamer Kleinarbeit in die Realität umgesetzt. Da die Kirche bereit war, das Foyer ebenso als Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen wie die Freifläche um das Gotteshaus, unterstützten Land und Stadt, Landeskirche und Kirchenkreis das Projekt mit Geld. Zudem gab es Mittel der Lotto-Toto GmbH und ein Projekt über das Jobcenter und die AQB. Doch der Pessimismus war, auch in der Kirche, groß, wie Friedhelm Ribbert weiß: "Die damalige Superintendentin Waltraut Zachhuber machte uns anfangs wenig Hoffnung. Mehr als die Sanierung der Buckauer St. Gertrauden-Kiche könne sich der Kirchenkreis nicht leisten. Gottlob behielt sie am Ende nicht recht."
Hier erzählen Steine
Hanns-Martin Irmscher bekannte in der Runde, dass er als Kirchenkreisvorsitzender auf eine hundertprozentig sichere Finanzierung Wert legte: "1957 hat sich die Gemeinde für die Orgelsanierung hoch verschuldet. Erst 2002 wurde die letzte Kreditrate überwiesen. Ich habe mich sicher oft unbeliebt gemacht, da ich auf keinen Fall eine Wiederholung dieser Geschichte wollte und abgelehnt habe, die Sanierung auf Kosten der künftigen Generationen im Gemeindekirchenrat durchzudrücken."
Jetzt, nach gelungenem Abschluss, seien natürlich alle froh über das Geschaffene. Dr. Annette Dorgerloh, die von der Gemeinde als Kunstsachverständige um Mitarbeit gebeten worden war, ist begeistert von der "Mischung aus Grabmonumenten, Skulpturen und Bauschmuck". Sie ist sich ganz sicher, dass Lapidarien zunehmend eine größere Beachtung und Bedeutung erfahren werden, da sie bewahren, was Generationen vor uns geschaffen haben: "Jahrhundertelang war Sandstein das bevorzugte Material der Bildhauer. Doch Sandstein ist weich, vielfach müssen die Originale durch Kopien ersetzt werden. Übrig bleiben die kulturhistorisch wertvollen Originale, die aber meist irgendwo unbeachtet eingelagert sind."
Überrascht hätten sie anrührende Texte auf barocken Grabmälern und die "wunderbare Gelegenheit, in die Geschichte ihrer Heimatstadt noch einmal so intensiv eintauchen" zu dürfen: "Die Steine des Lapidariums reden mit uns. Sie erzählen uns Geschichten, u. a. vom Haus des Festungskommandanten, vom Umgang mit Symbolen der Menschen in den vergangenen 500 Jahren, von Bestattungsritualen oder über Magdeburger. Das finde ich spannend."
Fünf Jahre öffentlich
Hanns-Martin Irmscher bestätigte auf Nachfrage aus dem Publikum, dass sich die Gemeinde verpflichtet habe, mindestens fünf Jahre lang Kirche und Lapidarium verlässlich öffentlich zugänglich zu halten: "Aus eigener Kraft schafft das die Gemeinde allerdings nicht. Über die Bürgerarbeit ist das aber jetzt gewährleistet. Wie qualitativ das, z. B. mit Führungen, stattfinden kann, hängt von den Salbkern und der Kirchgemeinde ab." Pfarrer Simon kündigte einen Filmgottesdienst zur "Nacht der Kirchen" an.
Vorerst aber wird diese Woche noch die Eröffnung gefeiert. Heute gibt es zum Beispiel eine Vespermusik um 19.30 Uhr (ursprünglich 18 Uhr).