Heimatgeschichte Serie: Zerbster Straßen im Wandel der Zeit - Der Markt vom Handelszentrum zum Ort der Stille
Straßen entwickeln nicht selten ein gewisses Eigenleben. Die Geschichte der Straßen sind auch die Geschichten ihrer Bewohner, der ansässigen Firmen und Geschäfte. Deswegen sprechen manche auch von ihrem „Kiez“. Einige dieser Geschichten von Zerbster Straßen wollen wir Ihnen in den kommenden Wochen erzählen.

Zerbst - Von Helmut Hehne und Thomas Kirchner
Die erste Adresse, die Hausnummer 1 des Marktes, der Sitz des Bürgermeisters und des Stadtrates, ist in vielen Städten das Rathaus (dazu wird es eine extra Seite geben). Die Entstehung von Marktplätzen liegt in der Geschichte weit zurück. Man erkennt aber in Zerbst eine hochmittelalterliche Stadtplanung. Eine einfache Handelsstraße wurde durch Verbreiterung zu einer Straßenmarktanlage.
Zwischen der alten Burgsiedlung nahe der Breite und der Ansiedlung der Bürger und Händler um die Nikolaikirche sorgten die Zerbster für eine Verbindungsstraße – die Alte Brücke. Gleichzeitig gründete sich hier eine zukünftige Stadt mit zwei Ansiedlungen.
Streit zwischen Rat und der Bürgerschaft
Die archäologischen Grabungen während der Umgestaltung des Marktes 2009 haben umfangreiche Erkenntnisse geliefert. So konnte ab der Brüderstraße die Röhr Wasserleitung aus Holz schräg über dem Platz nachgewiesen werden. Die ehemalige Holzwasserleitung, die entlang der Breiten Straße verlegt war, führte bis zum Toskanischen Brunnen.
Vom 13. bis zum 15. Jahrhundert war Zerbst eine reiche Stadt neuen Typs und im Verhältnis relativ groß. Aus der Geschichte der Straßenbezeichnungen geht der Platz 1324 als „forum lignorum“ (Holzmarkt) und 1520 einfach als Markt hervor. In diesem Zeitraum grassierte die Pest. Mit der ehemaligen Bezeichnung „forum lignorum“ gab es im 14. Jahrhundert die erste Erwähnung eines Rathauses. Der Rat und die auf dem Markt ansässige Bürgerschaft lagen zur Zeit des 30-jährigen Krieges oft im Streit über den aufsteigenden Handel und Wandel. Ab dieser Zeit rückten auch die Sondermarktstätten, Fischmarkt, Schleibank, Viehmarkt, Salzmarkt oder Holzmarkt mehr und mehr in den Fokus.
In der Zeit der Reformation predigte Martin Luther im heutigen Seniorenheim „Willy Wegener“. Etwa zu dieser Zeit wurden die Friedhöfe, die meist um Kirchen herum angelegt waren, außerhalb der Stadt verlegt, wie auch der Friedhof von St. Nicolai. Wichtig erschien den damaligen Zerbstern auch die medizinische Versorgung. So befand sich die heute noch bestehende Rats- und Stadtapotheke vor etwa 490 Jahren im Rathaus. Ab 1773 bis zur Zerstörung 1945 war die Apotheke im Haus mit der Nummer 3 an der Ecke zur Schleibank beheimatet.
Handel und Wandel
Mit der erfolgreichen Entwicklung des Handwerks und vieler kleiner Industrieunternehmen im 19. Jahrhundert konnte sich durch den Handel der Marktplatz architektonisch entfalten. Zu dieser Zeit entstand wohl auch der Werbeslogan: „Zerbst, ein Kleinod mittelalterlicher Stadtbaukunst“ und „Zerbst, ein Schatzkästlein deutscher Kultur“.
Zu den vielen Geschäften auf dem Markt gehörte unter anderem auch das Kaufhaus, das 1980 für viel Aufsehen sorgte, denn ein Jugendlicher hatte dort gezündelt. Es brannte fast völlig nieder. Vor dem zerstörerischen Feuer wechselten die Eigentümer im Laufe der Jahre, von Willy Cohn zu Otto Michels, dann weiter zu Herrmann Siegemund (Hersi) und im Jahre 1945 schließlich zur Konsumgenossenschaft.
Auf der Westseite, an der Ecke zur Bäckerstraße, stand das „Körnerhaus“. Hier verbrachte der Freiheitskämpfer und Sänger Theodor Körner einen Teil seiner Kindheit, denn er war oft bei seiner Tante Göldner von der Gold- und Silbermanufaktur zu Gast.
Sozialismus und Sanierung
Leider fielen viele der ehrwürdigen Häuser auf dem Markt 1945 den Bomben zum Opfer wie auch das „Neue Haus“, erbaut 1534 und 1964 abgetragen, wo auch die Stadtpolizei ihren Sitz hatte. Das Hotel „Zum Goldenen Löwen“, im Saal beiderseits Treppen zur Galerie, der Gasthof „Zum Grünen Anker“ und die „Deutsche Schenke“ machten Zerbst weit über seine Stadtgrenzen hinaus bekannt. Der Roland, die Butterjungfer und die Nicolaikirche sind bis heute touristische Anziehungspunkte.
Zu Zeiten des realexistierenden Sozialismus bestimmten die typischen Plattenbauten das Bild, die nach der Wiedervereinigung wieder verschwanden. 2009 aufwendig saniert und umgestaltet sorgt die Bebauung des Marktes bis heute für kontroverse Diskussionen. Zahlreiche Geschäfte stehen seit Jahren leer.
Bemühungen, dem riesigen und zweigeteilten Platz wieder quirliges Leben einzuhauchen, verliefen bislang mal mehr und mal weniger erfolgreich. Die schwierige Aufgabe wird auch in der Zukunft bleiben, den altehrwürdigen Zerbster Marktplatz wieder zu einem Ort der täglichen Begegnungen und der Kommunikation zu machen.
Fortsetzung folgt...
Teil 4 der Straßen-Serie erscheint am 16. Juni und führt auf den Fischmarkt.
Teil 1 der Straßen-Serie finden Sie hier...
Teil 2 der Straßen-Serie finden Sie hier...






