Anfragen aus Museen zwecklos – unverkäufliches Exponat wird in Heimatstube gezeigt Begehrte Rarität: "Eisen-Karl" restauriert in Ilsenburg den ersten Rennschlitten der Welt
Der Name Ilsenburg ist seit vielen Jahrzehnten mit dem Bob- und Rennschlittensport verbunden. Maßgeblich dazu beigetragen haben Namen wie Martin Tietze und Walter Feist. Ersterer wurde mit jenem Schlitten 1936 Weltmeister, dessen Original zurzeit in der Ilsestadt restauriert wird. Exakt dieser erste Rennschlitten der Welt war es auch, mit dem der aus Ilsenburg stammende Feist fünf Mal Europameister wurde.
Ilsenburg. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann, aber was um Himmels Willen macht "Mann" mit über 600 Äxten? Der Ilsenburger Gerhardt Flörke, genannt "Eisen-Karl" sammelt sie seit nunmehr zehn Jahren hinter seinem Haus in der Marienhöfer Straße. Bei besonderen Gelegenheiten stellt er sie auch gern mal aus. Letztmals war das beim Ilsenburger Forellenfest am Wochenende der Fall. Doch dazu später.
Momentan hat "Eisen-Karl" seinen mittlerweile zweiten Rennschlitten zu Restaurationszwecken in die Werkstatt. Im Gegensatz zu dem ersten, der auch viel kleiner war – nämlich ganze 36 Zentimeter, handelt es sich bei dem jetzigen um eine echte Rarität, die der Ilsenburger Herbert Schneevoigt auf verschlungenen Wegen kürzlich zurück in den Harz holte. Immerhin hatte diesen Schlittentyp der spätere Weltmeister Martin Tietze (1908 bis 1942) überhaupt erst mal erfunden. "Insofern handelt es sich auch um den Ur-Schlitten schlechthin, auf dessen Prinzip alle späteren Modelle überall in der Welt aufbauten, so Schneevoigt. Tietze, der aus dem Riesengebirge stammte, war in den 30–er Jahren der erfolgreichster Rennrodler seiner Zeit.
"Ilsenburg besitzt den Ur-Schlitten schlechthin"
Vier mal in Folge wird er ab 1934 bester Rennrodler und ist damit immer noch Rekordeuropameister. Auch im Doppel ist Tietze zusammen mit Kurt Weidner für die internationale Konkurrenz beinahe unschlagbar. Dessen jüngere Schwester Friedel Tietze ist ebenfalls Weltklasse–Rennrodlerin. 1942 fällt Martin Tietze während des Russlandfeldzuges.
Auch Walter Feist, zuletzt bei Stahl Ilsenburg, legt mit Tietzes "Super–Schlitten" zwischen
"Kugelschreiber, Gläser, Zollstöcke sammeln doch alle"
1920 bis Ende der 50–er Jahre eine sportliche Bilderbuchkarriere hin.
Auf die museale Rarität sind, lange vor seiner jetzigen Restaurierung, bundesweit Sammler und Museen aufmerksam geworden, darunter auch das Rennschlittenmuseum in Oberhof. Flörke: "Die besitzen lediglich ein Foto von unserem Schlitten, aber sie hätten natürlich gern dieses gute Stück selbst." Ende dieser Woche ist er nach dreiwöchiger Restauration übrigens originalgetreu wieder hergestellt. Und das ohne jeglichen Einsatz von irgendwelchen Chemikalien, betont "Eisen-Karl" mit sichtlichem Stolz: "Ein Ilsenburger hat ihn besorgt und ein anderer Ilsenburger ist damit mehrfach Europameister geworden. Das ist schon was!"
Nun also wird das höchstwahrscheinlich wichtigste Exponat der künftigen Heimatstube auch noch von einem dritten, nämlich waschechten, Ilsenburger zu neuem Leben erweckt.
Touristen staunten beim Ilsefest nicht schlecht. Dass man überhaupt 600 Beile sammeln kann, war den meisten genau so neu, wie deren unglaubliche Vielfalt. Nur zu gern zeigt und erklärt "Eisen-Karl" seine martialisch anmutenden Schätze.