Die Krauses aus Genthin sind wahrscheinlich die kinderreichste Familie in Sachsen-Anhalt. Von Simone Pötschke Großfamilie: Zwei Manager für 18 Kinder
Einen ganzen "Clan" vereinte kürzlich die Feier zur diamantenen Hochzeit von Ruth (79) und Reinhard (81) Krause aus Genthin. 18 Kinder - neun Jungs und neun Mädchen im Alter zwischen 37 und 60 Jahren - freuten sich mit ihren Eltern. Damit ist die Familie wahrscheinlich die kinderreichste in Sachsen-Anhalt.
Genthin l Ehe sich Krauses in der Gaststätte zum Familienfoto einfinden, vergeht schon etwas Zeit. 16 bei der Feier anwesende Kinder nehmen nach und nach Aufstellung. Vater Reinhard geht das alles viel zu langsam. "Das ist immer so. Da muss gequasselt und gelacht werden, bis dann endlich alle da sind", schimpft der alte Herr, dem offensichtlich der berechtigte Ruf vorausgeht, ein strenger Vater gewesen zu sein.
Trotzdem, die 16 Kinder wissen sich fürs Bild aufzustellen - sie sind kameraerfahren. Aus gutem Grund: Familie Krause galt zu DDR-Zeiten als die wohl kinderreichste Famlie in der Republik, ihre Geschichte ging durch die bunten Gazetten zwischen Rügen und dem Thüringer Wald. "Damit haben wir unsere Erfahrungen gemacht. Was da manchmal über uns geschrieben stand, stimmte wirklich nicht", sagt Ruth Krause.
Nach Artikel in Gazette kam Westpaket mit Knöpfen
Auch die Reaktionen darauf waren zwiespältig.Nachdem ein Beitrag über die Großfamilie in der "Für Dich" erschienen war, kam beispielsweise aus Frankfurt/am Main ein dickes Westpaket. Sein Inhalt: ein alter großer, zerbeulter Kochtopf und Hunderte von Knöpfen, an einer Strippe aufgefädelt. "Was mögen die Leute nur über uns gedacht haben?", schüttelt Ruth Krause ungläubig den Kopf.
Dabei, so würde man es heute sagen, haben Reinhard und Ruth Krause ihr "Unternehmen Familie" überaus erfolgreich gemanagt. Denn unter dem Dach der Krauses ist kein Platz für Vorurteile.
Weil in der DDR bekanntermaßen Kinderreiche großzügig unterstützt wurden, kannte die Großfamilie keine Geldsorgen. Wenngleich mit dem Kindersegen für die Krauses meistens ein Wohnungsproblem allgegenwärtig war. Mit den ersten vier Kindern wohnte das Paar noch bei den Eltern von Ruth Krause, dann folgte eine eigene erste Familienwohnung, die schnell zu eng wurde.
Schließlich sorgte der Arbeitgeber von Reinhard Krause, die Polizei, dafür, dass die Großfamilie in ein Eigenheim mit sieben Zimmern ziehen konnte. Aus dieser Zeit ist Ruth Krause noch gut der überraschende Besuch des Polizeichefs aus Magdeburg, General Schneider, in Erinnerung, der sich persönlich danach erkundigte, woran es der Großfamilie mangelte. Weil die Mutter nicht so schnell antworten konnte, schrieb sie alles Notwendige auf einen Zettel. Am wichtigsten waren Betten für die Kinder, die zum Teil noch zu zweit in einem Bett schlafen mussten. So kam die Großfamilie zu einer Lieferung von Doppelstockbetten mit Matratzen aus einem Ferienlager der Polizei, Geld gab es auch noch.
Auch Stadt und Kreis Genthin nahmen die Krauses unter ihre Fittiche, sorgten für kostenlose Kohlen, freien Eintritt in die Sport- und Schwimmhalle und Frisörbesuche. Dennoch, bei allen Vergünstigungen mussten sich die Krauses strecken, sie unterhielten einen kleinen Garten und betrieben Viehwirtschaft, so dass der Tisch immer gedeckt war.
Kohlen und Friseurbesuche von Stadt und Kreis bezahlt
Ruth Krause ist eine stille, ruhige Frau, die sich nicht etwa beklagt, schwere Zeiten mit der Erziehung ihrer 18 Kinder durchlebt zu haben. "Wenn ich das alles mit dem Verstand von heute betrachte, denke ich, dass ich schon etwas geleistet habe", sagt die 79-Jährige mit berechtigtem Stolz.
Knapp 19 Jahre war sie alt, als das erste Kind auf die Welt kam, als das zweite unterwegs war, musste geheiratet werden. Ruth Krause kam in den nächsten Jahren aus dem Windelwaschen - ohne Waschmaschine - nicht mehr heraus, ganz zu schweigen von einem Riesenberg Wäsche und sonstiger Hausarbeit. Der Tag begann für sie gegen 4.30 Uhr und endete nicht selten erst ganz spät am Abend.
Dass sich stets nach eineinhalb Jahren erneuter Nachwuchs anmeldete, war eigentlich nicht geplant, ist Vater Reinhard ganz ehrlich. "Aber wenn das Kind da war, war die Freude immer groß", blinzelt er vergnüglich. Manchmal habe sie auch damit gehadert, wenn sich wieder ein Kind angemeldet habe, räumt auch Ruth Krause ein. Doch dann habe sie sich auf die Worte ihrer Großmutter besonnen, die 16 Kinder hatte. "Lass man, die kriegst du alle groß, wenn sie gesund bleiben!", gab sie ihr auf ihren Lebensweg mit.
Omas Worte: "Lass man, die kriegst du alle groß!"
Lebhaft erinnert sich Ruth Krause noch heute daran, wenn die Hebammen im Krankenhaus die Neugeborenen in ihren Armen hielten und sich freuten: "Hier ist wieder ein Krause-Kind." "Das war mir nicht immer recht", lächelt die Mutter der Großfamilie sanft.
Ihre Kinder kannte man in Genthin, wissen Ruth und Reinhard Krause. Ein Freund der Familie sei einmal Zeuge geworden, wie ein Kind, Opfer eines Unfalls, ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Das medizinische Personal vermutete, dass dieses, zunächst unbekannte Kind der Familie Krause zuzuordnen sei. "Doch unser Bekannter wusste, dass es von den Gesichtzügen her nicht zu unserer Familie gehören kann - und er hatte Recht damit."
Dass jedes der 18 Kinder einen Beruf erlernt und im Leben ihren Platz gefunden hat, entschädigt Reinhard und Ruth Krause für manche Enbehrung, die sie auch gern für ihre Großfamilie auf sich genommen haben. Auf einen Urlaub brauchte die Familienbande allerdings nicht zu verzichten. Viermal wurde ihr ein Urlaubsplatz der Polizei gewährt. Mitgereist seien dann die etwas Kleineren, die Größeren seien ins Ferienlager gefahren, der Rest von der Großmutter versorgt worden, erzählt Ruth Krause.
Wie nun das alltägliche Leben einst in ihrem "Familienunternehmen" organisiert war, wie Geburtstagsfeiern und Weihnachten begangen wurden - für das Paar gehört das alles der Vergangenheit an. "Dazu müssten wir in unsere Fotoalben schauen", schützen sich die Krauses vielleicht vor allzu bohrenden Fragen.
Doch die Familie ist und bleibt nun mal gegenwärtig.Anja Kühne (39) ist das zweitjüngste Kind und eines von sechs, die ihrer Heimatstadt treu geblieben sind. "Unsere Eltern", sagt sie auch im Namen ihrer Geschwister, "sind bis auf den heutigen Tag immer für uns da, egal mit welchem Problem, auch für die Enkelkinder."
Ein Krause-Kind zu sein, heißt für sie und ihre Geschwister, in Genthin bekannt zu sein. Noch heute, erzählt Anja Kühne, würde sie darauf angesprochen. Freilich weniger als noch vor einigen Jahren. Doch man spüre den Respekt, der ihren Eltern entgegengebracht werde. Selbiger hat wohl in unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen Bestand: 1958 übernahm Wilhelm Pieck die Ehrenpatenschaft für ein Neugeborenes, und erst vor wenigen Jahren wurden die Krauses zum Sommerfest im Schloss Bellevue vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler als Anerkennung ihrer Lebensleistung geladen.
Einladung zu Bundespräsident als Anerkennung
Im vorigen Jahr haben die Krauses ihr Eigenheim verkauft und sind in eine kleine Wohnung im Herzen Genthins gezogen. Ruhe ist allerdings nicht in ihre heimischen Wände eingekehrt, seitdem die Kinder ihre eigenen Wege gehen. Reinhard Krause holt einen Kalender mit vielen Eintragungen heraus: "Hier sind alle wichtigen Geburtstage der Familienmitglieder, Oma-Opa-Tage und Besuche vermerkt. Bei uns ist also immer noch was los."
Zur diamantenen Hochzeit bleibt dem Paar kaum Zeit, ihre Ehe Revue passieren zu lassen. Ehe und Kinder sind eins bei den beiden. "Wenn wir uns gestritten haben, ging es nur um die Kinder", erinnert sich das diamantene Paar. "Die Rollenverteilung war ganz klar: Mutter war die Nachgiebige, Vater der Strenge", erzählt Ruth Krause. "Die Großen wollten sich auch manchmal in unsere Meinungsverschiedenheiten einmischen. Das habe ich kategorisch abgelehnt", erinnert sich der Vater.
Die Krause-Kinder sind dem Beispiel ihrer Eltern übrigens nicht gefolgt: "Ein Sohn hat vier Kinder, eine größere Familie gibt es nicht", sagt Ruth Krause.