Leseranwältin Nach dem Anschlag: Wie Medien den Ausnahmezustand bewältigt haben
Als der Übergriff auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt das Leben erschüttert hat, war das auch für die Volksstimme ein tiefgreifendes Ereignis. Eine Bilanz der journalistischen Arbeit.
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Magdeburg. - Zwei Monate sind seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt vergangen. Bis heute erscheinen nahezu täglich Artikel und Leserbriefe in der Volksstimme, die sich mit der Tat und ihren Folgen befassen. Der 20. Dezember 2024 hat das Leben sehr vieler Menschen, einer Stadt, eines ganzen Landes für immer verändert. Die Volksstimme-Redaktion ist weit davon entfernt, das Thema zu den Akten zu legen. Doch mit etwas zeitlichem Abstand ist es sinnvoll, Zwischenbilanz zu ziehen: Wie haben wir berichtet? Was ist gelungen? Was würden wir heute anders machen?
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Aktuelle Berichterstattung nach der Tat
Kurz nach 19 Uhr laufen die ersten Hinweise ein, dass etwas Furchtbares passiert ist, wenig später sind mehrere Reporter vor Ort. Die Nachrichtenlage ändert sich im Sekundentakt, Gerüchte breiten sich rasant aus, klar ist: Sorgfalt geht vor Schnelligkeit. Es gilt zuallererst herauszufinden, was tatsächlich passiert ist. Was stimmt, was ist unklar, was ist falsch?
Die Artikel, die im Laufe des Abends online und am Samstag in der gedruckten Volksstimme erscheinen, stellen darum die Faktenlage in den Mittelpunkt; der Tonfall ist bewusst nachrichtlich, die Auswahl der Bilder zurückhaltend. Es braucht keine reißerischen Formulierungen und Schockfotos, um die allseitige Erschütterung spürbar werden zu lassen. Aus der Hektik der Situation heraus erklärbar, im Nachhinein betrachtet nicht angemessen: Auf unserer Internet-Seite war auch dann noch von „vermutlich Dutzenden Toten“ die Rede, als andere Medien längst von deutlich geringeren Zahlen ausgingen.
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Die Ausgabe am Montag nach der Tat
„Warum?“ Ein einziges Wort und ein Bild des Blumenmeers am Trauerort vor der Johanniskirche – die Titelseite der gedruckten Volksstimme am 23. Dezember habe, so eine Leserin, vielen direkt aus dem Herzen gesprochen. Ähnliches gilt für die weiteren Reportagen und Berichte in dieser Ausgabe, von der Seite 2 über den Lokalteil bis zu den Sportseiten, in denen Reporter Betroffene, Augenzeugen und Ermittler zu Wort kommen lassen. Wer das liest, den wühlt es auch Wochen später auf.
Auf die Frage nach dem Sinn einer sinnlosen Tat wird es wohl nie eine Antwort geben. Andere Fragen müssen Antworten finden: Wie konnte es zu dem Anschlag kommen? Weshalb haben Sicherheitskonzepte versagt? Wer trägt wofür Verantwortung? Was muss zur Unterstützung von Opfern und Betroffenen getan werden? Was in der Montagsausgabe erstmals thematisiert wird, dominiert die Berichterstattung bis heute.
Der Spagat in den Feiertagswochen
Das Leben hat ernste und heitere Seiten, eine Zeitung soll beide abbilden. Wenn der Abgrund zwischen tiefer Trauer und großer Freude so tief klafft wie seit dem 20. Dezember, muss eine Redaktion die Wahl ihrer Themen ganz besonders sensibel austarieren. Vorbereitet waren Beiträge passend zur Stimmung an frohen Feiertagen. Das Porträt des „Glühweinkönigs“ vom Weihnachtsmarkt etwa: Was in jedem anderen Jahr ein fröhliches Unterhaltungsstück gewesen wäre, hätte nun zynisch gewirkt. Also besser ein unverfänglicher Artikel über ein Verkehrsthema.
Aus der Volksstimme in den Wochen nach dem Attentat lässt sich gut ablesen, in welchem Maße für viele Menschen ein Stück des normalen Alltags zurückgekehrt ist.
Was fehlte in der Berichterstattung?
Es gehört zur bitteren Realität, dass Menschen anderer Nationalitäten und mit Migrationsgeschichte seit dem Anschlag mehr Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt sind. Dies ist zwar im Magdeburger Lokalteil in einigen Berichten erwähnt worden. In der überregionalen Berichterstattung wurde das Thema seit Beiträgen am 30. und 31. Dezember aber nicht intensiv weiterverfolgt, obwohl es für eine umfassende Darstellung der gesamten Migrationsdebatte ein wichtiger Aspekt ist.
Was machen wir anders als einige andere Medien?
In manchen anderen Medien wird der volle Name des Attentäters genannt. Das ist nach Ziffer 8 des Pressekodex, dem ethischen Regelwerk der Journalisten, erlaubt, da die Tat besonders schwer war und in aller Öffentlichkeit begangen wurde und somit das Recht auf Schutz der Persönlichkeit übersteigt. Wir haben uns dennoch entschieden, den Namen nur abgekürzt zu verwenden. Der Täter steht durch jeden Bericht wieder im Fokus der Öffentlichkeit; das ist unvermeidlich, da es nicht akzeptabel wäre, gar nicht zu berichten. Wir wollen das Forum, das er durch seine Erwähnung erhält, jedoch so klein wie möglich halten.