Fachkräftemangel Fehlendes Personal: Unternehmen in Sachsen-Anhalt sehen sich in Existenz bedroht
Der Personalmangel bedroht mehr als die Hälfte der Unternehmen in Sachsen-Anhalt in ihrer Existenz, zeigt eine Commerzbank-Studie. Wie reagieren die Firmen?

Magdeburg/Sandersleben - Als Patrick Leidenroth vor wenigen Jahren die Firma Anlagenbau Sandersleben übernahm, war klar, dass er sein Team in der Größe bald nicht mehr halten könnte. Statt mit 180 Mitarbeitern kalkulierte der Geschäftsführer und Gesellschafter für die Zukunft also nur noch mit 150 Kollegen. „Als Unternehmer ist es mir schwer gefallen, das in den Businessplan zu schreiben“, erinnert er sich. Aber so ist die Realität in Sandersleben und in ganz Sachsen-Anhalt.
Schuld sind nicht die fehlenden Aufträge, sondern die alternde Bevölkerung, die sich bei Leidenroth auch in der Belegschaft widerspiegelt. „Ich konnte dieses Jahr Aufträge nicht annehmen, weil mir die Kapazitäten fehlen“, verdeutlicht er den Personalmangel. Aktuell sei es besonders schwierig, da viele Mitarbeiter erkrankt seien und Termine dadurch nicht gehalten werden könnten.
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Geschäftsführer bemängelt „Arroganz“ der Arbeitnehmer
Sachsen-Anhalts Unternehmer benennen am häufigsten den Arbeitskräftemangel als Herausforderung, zeigt die Unternehmerkunden-Studie der Commerzbank. Ein Meinungsforschungsinstitut hat 100 Freiberufler, Selbstständige, Handwerker und Mittelständler in Sachsen-Anhalt befragt. Immerhin 38 Prozent sagen, Arbeitskräftemangel sei kein Thema für sie. Aber gut die Hälfte von ihnen sieht sich als vom Arbeitskräftemangel betroffen.
„Etwa drei Fünftel der Unternehmen sind dadurch im Verzug mit Produkten und Services. Das ist deutlich mehr als im Bundesschnitt“, ordnet Thomas Heller die Zahlen für Sachsen-Anhalt ein. Er leitet die Unternehmerkundenberatung der Commerzbank im nördlichen Sachsen-Anhalt.
Weil immer weniger junge Menschen nachkämen, sei ein regelrechter Kampf um die bestehenden Mitarbeiter ausgebrochen, schildert Leidenroth: „Es wird überall gefischt. Die Unternehmen holen sich die Leute mit Vergütungen.“ Etwa mit der 35-Stunden-Woche bei vollem Gehalt oder mit Anwesenheitsprämien. Weil sich der Arbeitsmarkt gedreht habe, bemerke Leidenroth eine „gewisse Arroganz der Arbeitnehmer“. Die Leistung gehe zurück, weil den Mitarbeitern bei anderen Firmen jederzeit die Türen offen stünden.
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Intel-Ansiedlung in Magdeburg bereitet Mittelstand Sorge
Mit der Großansiedlung der Chipfabrik im mit dem Auto 50 Minuten entfernten Magdeburg komme eine weitere Herausforderung, meint Leidenroth: „Wenn Intel kommt, macht mir das schon Angst. Wie soll ich die Leute hier in Sandersleben halten?“
Der Geschäftsführer hat keine Patentlösung, wie er mit dem demografischen Wandel umgehen soll. Potenzial sieht er bei der Automatisierung, die er mit Investitionen in Maschinen vorantreibt. „Da muss jedes Unternehmen selbst dranbleiben“, meint er.
Ein weiterer Schwerpunkt der Commerzbank-Studie war die fehlende Nachfolge für Unternehmer. Es sei „extrem bedenklich“, dass mehr als die Hälfte der Unternehmer sich noch keine Gedanken über ihre Nachfolge gemacht hätte, sagt Sylke Raßmann, Leiterin der Unternehmerkundenberatung Halle.
Falls sie keinen Nachfolger fänden, würden laut der Studie 44 Prozent der Unternehmer den Betrieb schließen. Auch die Banken würden mittlerweile verstärkt zu dem Thema beraten.