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Dr. Karsten Steinmetz ist einer der Kandidaten für den diesjährigen Titel für den "Magdeburger des Jahres" Romantik 2.0 belebt Altstadtkrankenhaus

Von Martin Rieß 06.12.2012, 02:34

Zum Jahresende sucht die Volksstimme den Magdeburger des Jahres. Zwölf Kandidaten stehen 2012 zur Wahl, die wir Ihnen näher vorstellen wollen. Heute: Karsten Steinmetz: Schriftsteller, Kultur-Organisator, überzeugter Magdeburger - und treibende Kraft hinter Romantik 2.0.

Magdeburg l Ein Unbekannter ist Steinmetz in Magdeburg keineswegs. Er hat an der Universität und an der Hochschule gelehrt. Er ist im Magdeburger Kulturbetrieb verwurzelt - seine belletristischen Texte sind beispielsweise bei Veranstaltungen mit der Gruppe "Schreibkräfte" zu erleben. Und der Name des 36-Jährigen ist eng verbunden mit vielen kulturellen Schlaglichtern, die in den vergangenen Jahren vergessene Quartiere und Orte neu erlebbar gemacht haben. Beispiele dafür sind die vier Teile des KulturKabinetts im Haus 1 des ehemaligen Handels- und heutigen Wissenschaftshafens und im vergangenen Jahr das Projekt Salomon in einem der beiden letzten bis dato unsanierten Häuser an der Otto-von-Guericke-Straße.

Eine wesentliche Rolle spielt bei solchen Aktivitäten der Verein KulturAnker e.V., dem Steinmetz gemeinsam mit Alexander Biess vorsteht. Steinmetz: "Ganz wichtig: Viele kulturelle Aktivitäten können allein in einem Gemeinschaftswerk entstehen. Ich sehe mich daher auch als Stellvertreter einer ganzen Reihe von Kulturschaffenden, als Stellvertreter für den modernen, unabhängigen Kulturbetrieb."

In diesem Jahr der bislang vielleicht größte Wurf mit dem KulturAnker: Romantik 2.0. Vom 1. bis zum 24. Juni hat der Verein das ehemalige Altstadtkrankenhaus gemeinsam mit weiteren Kulturgruppen, einzelnen Künstlern und unterstützt von Sponsoren und der Stadtverwaltung in etwas Ungeahntes verwandelt. Wo Jahre zuvor Menschen in der nüchternen Umgebung des Krankenhausbetriebs geheilt wurden, war für ein paar Sommerwochen ein bunter Ort entstanden, an dem Musik und Malerei, Fotografie und Installation, Plastisches und Literarisches aufeinandertrafen und einen Ort voller Magie schufen.

"Ich sehe die Freiheit der Menschen als ein entscheidendes Gut."

Warum - um Himmels willen - dieser Ort? "Es geht mir immer darum, etwas Unmögliches möglich zu machen." Deshalb jedes Jahr auch die Steigerung: von einem einzelnen Raum für das Kabinett der Künste über mehrere Räume und eine Etage bis hin zu einem ganzen Haus - und jetzt eben ein großer Gebäudekomplex. "Die Idee, das Krankenhausareal für etwas Außergewöhnliches zu nutzen, war nicht neu. Aber nach unserem Erfolg mit dem Salomon-Projekt war der Zeitpunkt günstig", versucht Steinmetz zu erklären, warum Romantik 2.0 auf den Weg gebracht werden konnte.

Sieht Steinmetz seine Aktionen als Statement für ein Ziel, als Politik? Steinmetz überlegt: "Ich sehe die Freiheit der Menschen als ein entscheidendes Gut." Zu schnell werde diese als etwas Selbstverständliches hingenommen. "Zwar agiere ich abseits des Parteienbetriebs - wenn es aber um den Schutz der Freiheit geht, dann bin ich mit dabei. Und Kunst ist dazu ein Mittel", sagt er. Sei es die Inbesitznahme verschlossener Orte wie bei Romantik 2.0 - oder aber der Einsatz gegen Unfreiheit. Beispiele für dieses politische Handeln sind die Aktionen "Schöner leben ohne Nazinachbarn" oder im Rahmen der Meile der Demokratie. Der promovierte Schriftsteller überlegt und sagt: "Manchmal ist es wahrscheinlich sogar gut, sich ein wenig zurückzuhalten. Wenn ich öffentlich zu sehr für eine einzelne Strömung eingetreten wäre - hätten wir jemals diese breite Unterstützung bei der Organisation von Romantik 2.0 bekommen?"

Dass er trotz aller Zurückhaltung gegenüber der Parteienpolitik keineswegs unpolitisch ist, zeigt auch das Thema seiner im vergangenen Jahr verteidigten Doktorarbeit: Steinmetz - der ursprünglich Politikwissenschaft studiert hat - hatte sich am Beispiel der Einführung und Wiederabschaffung des 13. Schuljahres zum Abitur dem Spannungsfeld zwischen politischen Überzeugungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen gewidmet.

Und wie geht es weiter? "Im kommenden Jahr wird es keine Romantik 3.0 geben, dafür aber ein Event voller Zauberei und Mystik", kündigt Steinmetz an. Getreu seinem Grundsatz, immer etwas Neues zu wagen, soll es 2013 nicht auf ein einzelnes Gebäude oder einen Gebäudekomplex beschränkt bleiben. Obwohl die Vorbereitungen für diese Veranstaltung noch in den Anfängen stecken, denkt Steinmetz schon weiter: "Vielleicht wird das ja ein Abschluss." Vielleicht wäre es dann Zeit, einen persönlichen Traum zu verwirklichen: "Ich möchte schon immer einmal ein halbes Jahr in New York arbeiten", sagt er.

Rückkehr nicht ausgeschlossen? Vielmehr noch: Rückkehr wahrscheinlich.

Denn Steinmetz ist ein überzeugter Magdeburger. Studiert hat er unter anderem in Berlin und Erlangen, aber auch in Belgien und Tschechien, in den USA und in Nordirland. Doch er ist immer wieder nach Magdeburg gekommen. Aufgewachsen ist er im Eichenweiler, hat die Otto-Grotewohl-Schule und später das Humboldt-Gymnasium besucht. Er sagt: "Die Stadt Magdeburg ist meine Heimat und wird meine Heimat bleiben."

Beim Stichwort Humboldt-Gymnasium schlägt bei Steinmetz nicht allein Lokal-, sondern auch Schulpatriotismus durch: "Ich würde mich echt freuen, wenn dieses wie in der Volksstimme berichtet wiedereröffnet würde. Und wenn es dann vielleicht sogar den traditionsreichen Schulnamen weiterführen könnte ..."

"Die Offenheit der Stadt zieht sich durch Kunst, Verwaltung, Wirtschaft und Zuschauerschaft."

Sind es die Erinnerungen an die Kindheit, Freund und Bekannte, warum er immer wieder zurückgekehrt ist? Steinmetz: "Nicht nur. Magdeburg ist eine sehr offene Stadt. Wo sonst wäre es möglich gewesen, so etwas wie Romantik 2.0 auf die Beine zu stellen? Diese Offenheit der Stadt - und das ist ganz wichtig - zieht sich durch Kunstszene, Verwaltung, Wirtschaft und Zuschauerschaft."

Wer sich noch in diesem Jahr vom Organisationstalent des Kandidaten zum Magdeburger des Jahres überzeugen möchte: Auch hinter einer Aktion am 14., 15. und 16. Dezember im Magdeburger City-Carré steht er: "Dann findet dort nämlich eine kleine Theaterausstellung statt." Nicht nur zum Anschauen, sondern zum Miterleben. Die Akteure werden, so berichtet Steinmetz, an den drei Tagen ein Programm vom Puppenspiel bis hin zum live produzierten Hörspiel auf die Bühne stellen.