Konferenz in Magdeburg zeigte gelungene Beispiele der Elternarbeit auf Mit Sozialarbeit an Schulen lassen sich auch Eltern wieder erreichen
Von Philipp Hoffmann
Schulen, darin sind sich Bildungsexperten heute weitgehend einig, brauchen Sozialarbeiter. Und zwar nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Denn Sozialpädagogen können helfen vorzubeugen. Weil sie früher als Lehrer Probleme entdecken – schließlich sind sie dazu ausgebildet.
In Sachsen-Anhalt gibt es nach 1998 bis 2003 jetzt zum zweiten Mal ein Schulsozialarbeitprogramm. Diese Woche, eineinhalb Jahre nach seinem Start, trafen sich Beteiligte auf Initiative der Zentralen Koordinierungsstelle "Schulerfolg" zu einer Konferenz in Magdeburg. Dabei zeigte sich, dass Sozialpädagogen nicht nur wichtig für die Arbeit mit Schülern sind. Sie können auch dazu beitragen, eine Gruppe zu erreichen, ohne deren Beteiligung oder zumindest Gutwillen es Schule oft schwer hat: die Eltern.
"Ohne die Eltern liefe unsere Schule nicht so, wie sie es tut", verdeutlichte auf der Konferenz die Schulpädagogin Anne Dinges. Sie war didaktische Leiterin der Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim (Niedersachsen), die 2007 als erste den Deutschen Schulpreis gewann und bundesweit vielen als Vorbild gilt. Auch deshalb, weil es dort das Phänomen, dass die Schule Eltern teilweise überhaupt nicht erreicht, nicht gibt.
Eltern, so Dinges, wird in Hildesheim nämlich das Gefühl vermittelt, dass sie dazugehören, Verantwortung tragen – und gebraucht werden. Einmal pro Woche betreuen sie Gruppenstunden mit vier bis sechs Schülern, machen mit ihnen Spiele, Sport, Kochen oder Theater. Dinges nannte das Konzept "unglaublich effektiv".
Doch auch in Sachsen-Anhalt gibt es gelungene Beispiele für Elternarbeit. Eine Reihe davon stellten Sozialarbeiterinnen vor. Diana Altenburg, die in Magdeburg sowohl die Gebrüder-Grimm-Förderschule als auch die Hildebrandt-Gesamtschule betreut, hat Eltern mit "niedrigschwelligen" Angeboten, etwa einem Kochkurs, auf die Sozialarbeit aufmerksam gemacht. Dann organisierte sie Bildungsfreizeiten für Familien. "Anfangs habe ich gezielt Eltern angesprochen, heute ist das ein Selbstläufer", schilderte die Sozialarbeiterin. Aus den Freizeiten hätten sich regelmäßige Treffen ergeben, und auch thematische Elternabende seien nun gut besucht. Altenburgs Tipp: "Wenn es etwas zu essen gibt, dann kommen die Eltern auch."
Auf ganz andere Weise brachten Schüler der Sekundarschule Bad Bibra (Burgenlandkreis) Eltern zum Besuch eines thematischen Abends. Sie organisierten die Veranstaltung mit Hilfe der Sozialarbeiterin Madeleine Hoppe selbst. Thema: Computerspiele. Die Schüler zeigten den Eltern, was für Spiele sie spielen, was sie darüber denken und wo die Schwelle zur Sucht liegt. Mit dem Projekt errangen sie den zweiten Platz beim Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung.
An der Sekundarschule Gommern (Jerichower Land) nahm sich Sozialarbeiterin Nicole Barthel Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) an. Sie organisierte ein Eltern-Kind-Training und eine Lehrerfortbildung. Aus dem Training entstand ein Stammtisch der betroffenen Eltern.
Speziell auf ausländische Eltern ging Daniela Claus an der Grundschule Friederickenstadt in Dessau-Roßlau zu. Im von ihr angebotenen Elterncafé erfuhren die Eltern beispielsweise, wie das Bildungssystem funktioniert. Jetzt treffen sich die Eltern einmal die Woche.
Zu den Schulen, die in Sachsen-Anhalt die längste Erfahrung mit Sozialarbeit haben, gehört die Wernigeröder Sekundarschule Burgbreite. Dort gibt es seit 1998 fast durchgehend eine solche Stelle. Für Schulleiter Wolfgang Kirst ist es allein damit jedoch nicht getan. Er erwartet von seinen Lehrern, Kinder nicht erziehen, sondern begleiten zu wollen: "Begleiten heißt, eine interessierte Distanz zu wahren, aber auch einzuschreiten, wenn Kinder aggressiv sind." Für Kirst beruht Erziehung auf einer autoritären Grundhaltung. Fundament sei die Disziplin. "Das beinhaltet Zwang, Verzicht, Einschränkung – alles Dinge, die wir verabscheuen."